Über Schreiberei

Gegensätze sind spannend. Und so versuche ich, meinen Schülern den Woyzeck von Büchner schmackhaft zu machen, nachdem sie sich mit dem Faust erwartungsgemäß schwer getan haben. Dort also ein wohlhabender Staatsdiener, der über Jahrzehnte hinweg an seinem Werk schrieb. Hier ein junger, steckbrieflich gesuchter Revolutionär, dem gerade noch das Fragment gelang, bevor ihn in den 20ern der Typhus hinwegraffte. Was ich ihnen zu Kleist und der unsäglichen Marquise von O. erzählen soll, weiß ich noch nicht. Überhaupt ärgert mich auch die Auswahl. Judith Hermann ist das weibliche Feigenblatt der Kommission. Überall bestimmen die Männer immer noch den Literaturbetrieb, beklage ich im Auto. Das sehe er ganz anders, überrascht mich mein Mann. Er hat als Ingenieur da handfestere Maßstäbe als meine „gefühlte Bedeutung“. Man müsse zwei Sachen sehen, nämlich wie viele Leser man erreiche und wieviel Geld man verdiene. Da sei ja wohl J. K. Rowling ganz oben und diese Frau, ich wisse schon, mit den Vampiren. Er meint Stephenie Meyer (Twilight). Ich bin verblüfft, denn er hat beides natürlich nie gelesen. Das sei aber nicht entscheidend, findet er, es ging ja um die Bedeutung im Literaturbetrieb. Das ist auch Thema in Colette. KINO-UPDATE. Zuvor hatte ich noch nie von der Dame gehört. Aber ein Staatsbegräbnis bekommt man in Frankreich bestimmt nicht einfach so. Erzählt wird die wahre und skandalträchtige Geschichte einer jungen Frau vom Land, die einen viel älteren Bohemian heiratet und im Paris der Jahrhundertwende zur Schriftstellerin wird – zunächst allerdings nur als Zuschreiberin für ihren Mann, der alles gnadenlos unter seinem Namen vermarktet. Die Belle Epoque ist schön inszeniert, die Dekadenz, das Salongeschwätz und sexuelle Eskapaden in alle Richtungen. Keira Knightley ist die Rolle auf den schlanken Leib geschrieben und die langen Mädchenzöpfe stehen ihr so gut wie der später in Mode gebrachte Bob. Sicher hatte sie schwer zu kämpfen, um sich in der Männergesellschaft ihren Stand zu erkämpfen. Trotzdem erfasst mich auf der Hälfte des Films der blanke Neid. Sie wird unter Protest und Geschrei von ihrem Mann in einem wunderschönen Landhaus eingeschlossen, damit sie nur noch schreibt und nicht ihre Zeit mit Haus-und Gartenarbeit verschwendet. Tja, wie sagt meine Oma : „Dem ienen sien Uhl is dem andern sien Nachtigall.“ Davon abgesehen : lohnt sich anzusehen.

16 Kommentare

  1. Die Kombination Lehrfrau und Ing. scheint es öfter zu geben, scheint in mancher „Sparte“ eine fruchtbare zu sein! Obwohl oder gerade weil das Herz eines Ing ein paar Spuren anders tickt als das einer mit Schreibereien befassten. Colette, von ihr gab man mir sehr, sehr früh Lesestoff und ich sog ziemlich französische Lebensart ein, jedoch nicht genug, denn ich wählte Latein (Reim!Huch!)
    Schönen Gruß von der Ruhestandsleserin

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  2. Die Kombination Lehrerin/Ingenieur stelle ich mir fruchtbar vor, im Gegensatz zur Kombi Lehrerin/Lehrer, die etwas Unsägliches haben kann, wenn sich die Gespräche nur um den Schulalltag drehen. Den von dir besprochene Film würde ich mir nicht gern ansehen, weil mir die Unterdrückung der Frau und deren Ausnutzung zu sehr an die Nieren geht. Dass der Kultur- und Literaturbetrieb auch heute noch von Männern dominiert ist, daran ändern auch erfolgreiche Autorinnen wie die genannte Stephenie Meyer oder Joanne K. Rowling nichts.

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      1. Ich bin so sehr viel unterwegs, da schaue ich Filme und Serien am liebsten Zuhause. Lustigerweise habe ich aber neulich an Dich gedacht, als ich am Kino vorbeiging und dort Aquaman lief. Ohne Deinen Beitrag hätte ich keine Ahnung gehabt, was ich verpasse bzw. eigentlich auch nicht.☺

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    1. Darf ich noch einen Versuch starten dich umzustimmen? Der Film hat eine sehr schöne und detailreiche Ausstattung mit tollen Kostümen. Auch visuell eine Pracht! Zur Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin: Die Kamera lässt nie einen Zweifel, wer hier zum Schluss wen dominiert. Der Mann ist zwar unverschämt und oft schroff, ihm ist aber immer klar, dass er sich an ihrer Brillanz labt. Zum guten Schluss zeigt die Kamera, was der Zuschauer schon weiß – er ist ein kleiner Wicht ohne seine Frau. Also nichts, was an die Nieren gehen könnte. Der Regisseur war nicht Tarantino 😋

      Gefällt 3 Personen

  3. Kinomuffel bin ich keineswegs. Im 1. und 2. Jahr unseres Artkinos hier in Würzburg bin ich mind. 100 mal ins Kino, im letzten Jahr nur 5 mal, es war einfach ZUVIEL los.
    Es muß wieder anders werden, Kino ist Bereicherung.

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