Einen gewischt kriegen

Das vergangene Wochenende, Rosenmontag sei Dank, war von langer Hand als Lese- und Faulenzer-Zeit geplant gewesen. Es war herrlich, allerdings hatte ich ab Montagmorgen Rückenschmerzen vom ungewohnten Herumlungern auf dem Sofa. Den Rest des Romans „Die Gabe“ las ich daher am Küchentisch.

Die Engländerin Naomi Alderman schrieb diesen ungewöhnlichen Zukunftsroman. Ihren Stil fand ich weniger fesselnd, sehr anregend dagegen ihre Idee, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der die Frauen das Sagen haben. Denn diese entwickeln plötzlich weltweit aufgrund eines neu entstehenden Organs die Fähigkeit, Stromstöße auszusenden. Die Frauen werden dadurch, trotz teils kriegerischen Widerstands der Männer zum starken, wenn auch nicht zum besseren Geschlecht. Überzeugt hat mich die intelligente Einbettung dieser Geschichte, in der die Schicksale verschiedener Protagonisten mehr und mehr verwoben werden. An dem Briefwechsel vor und nach der Geschichte erkennt man nämlich, dass diese bereits vor Urzeiten stattgefunden hatte. Ein junger Mann hat sie als quasi wissenschaftlichen Roman geschrieben und erhofft sich die positive Rückmeldung einer wohlwollenden Mentorin. Diese schlägt ihm ganz am Schluss vor, seinen Roman unter einem weiblichen Pseudonym zu veröffentlichen, damit es nicht – wie seine früheren Werke – als „Männerliteratur“ abgetan werde. Das ist doch der Roman zum Weltfrauentag, auch wenn die Empfehlung einen Tag zu spät kommt. Dafür aber nun die richtige Filmempfehlung für ein verregnetes Wochenende. Wieder mit einer Frau, die ordentlich Stromstöße verteilt.

KINO-UPDATE. Die lang erwartete weibliche Superheldin, Captain Marvel, saust seit Donnerstag in 3D über die Leinwände.

Zuerst für die Nicht-Fans von Superheldenfilmen: Testpilotin Carol Danvers, gegeben von der unverbrauchten Brie Larson, ist zu spektakulären Kräften gekommen. Diese kann sie erst recht freisetzen, als sie den „Supressor“ in ihrem Nacken loswird. Im Kampf Gut gegen Böse schlägt sie sich so gut, dass sie am Schluss wieder an das andere Ende des Universums muss, damit ihre Kollegen vor Ort nicht direkt arbeitslos werden. Im übrigen wechseln sich spektakuläre Weltraumszenen, wirklich witzige Dialoge und die beste Katzen – Filmrolle aller Zeiten ab.

Für Fans: Wir bekommen alles, was das Herz begehrt. Viele offene Fragen werden hier außerdem einer Klärung zugeführt. Warum trägt S. H. I. E. L. D. Mitarbeiter Fury (Samuel L. Jackson) eine Augenklappe? Wie ist er auf die Idee der Avangers-Initiative gekommen? Und wo zum Teufel ist Ant – Man? Das im Frühling erwartete Endgame wird hier bestens vorbereitet.

Ach ja, die Rolle der Frau… Da wird sich durch Captain Marvel wohl nichts handfestes verändern. Aber die Möglichkeit einer Superheldin wird gedacht und gezeigt. Ein kleiner Schritt auf einem langen Weg.

5 Kommentare

  1. Es soll ja in der Frühzeit eine Reihe von Kulturen gegeben haben, die vom Matriarchat geprägt waren. Zuweilen geht man schwärmerisch davon aus, dass da paradiesische und gewaltfreie Zustände geherrscht hätten. Die Gabe der Stromschläge weicht von dieser Idealisierung ab. Aber anders ist diesem groben Klotz Mann vermutlich nicht beizukommen. Zuerst müssen Generationen „einen gewischt“ kriegen, dann könnte es gewaltfrei zugehen. Fragt sich, ob sich da nicht ebensolche Machtstrukturen verfestigen wie im Patriachat. Statistisch wir ja Gewalt uüberwiegend von Männern verübt. Drum wäre „Frauen an die Macht“ eine Option. Übrigens ist in der SF-Literatur der Fall von James Tiptree, eigentlich Alice B. Sheldon, bekannt, weil ihr Verleger nicht daran glaubte, dass sich ihre Romane unter einem Frauennamen verkaufen würden.

    Gefällt 2 Personen

    1. Dieser Roman ist tatsächlich von Schwärmerei weit entfernt. Er geht wohl eher davon aus, dass Menschen beiderlei Geschlechts die Machtmittel, die sie besitzen, auch bereit sind zu gebrauchen. Und was die Pseudonyme angeht, das geht auch andersherum. Ein netter junger Schriftsteller muss seiner heiter-fröhlichen Geschichten unter einem Frauennamen anbieten. Seine Krimis laufen unter dem echten Namen. So gehört bei einer Lesung. Auf dass die Mauern in den Köpfen noch dicker werden..

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s