Well done oder Wichtig is‘ auf’m Platz

Wir sind überhaupt keine Fußballfans. Aber wir verdanken dem Fußball einige unserer schönsten Urlaubserlebnisse. Im Sommer 2014 waren wir auf einer absolut fantastischen Gartenrundreise in Cornwall und Devon unterwegs. Am 8. Juli fand dieses legendäre Spiel statt, dessen Ergebnis jeder kennt. Am Tag danach besichtigten wir ein großes, atemberaubendes Herrenhaus und wurden in einer Gruppe durch endlose Küchentrakte geführt. Dabei unterhielten wir uns, sehr leise, wurden aber von mitlaufenden Engländern schnell als Deutsche identifiziert. Ich war besorgt. Hatten wir – ob der brutalen deutschen Überlegenheit – böse Sprüche, zumindest aber böse Blicke zu erwarten? Quite the contrary! Man beglückwünschte uns zu unserem Erfolg (als hätten wir selbst die Tore erzielt), klopfte uns freundschaftlich auf die Schulter und winkte uns zum Abschied mit einem herzlichen „Well done!“.

Abgesehen von solchen Sternstunden der Völkerverständigung ist Fußball vor allem normaler Bestandteil unserer morgendlichen Konversation beim Durchblättern der Zeitung. Zum Beispiel heute morgen: Den Niedergang der Schalker und die Unhaltbarkeit des aktuellen Trainers betrachteten wir mit Sorge und Mitgefühl (abends ist der Arme schon entlassen), die Niederlage der Bayern kommentierten wir nicht ohne Genugtuung (Manuel Neuer war mir schon lange viel zu eingebildet) und bei Cristiano Ronaldo, der allerdings auch keinen Mangel an Selbstbewusstsein erleidet, wunderten wir uns über seine nach wie vor ungebrochene Strahlkraft. Ich dachte außerdem kurz darüber nach, dass ich den Kerl eigentlich nie attraktiv fand, bis ich mal bei einem Trikottausch… aber das führt jetzt zu weit.

Bei einer derart ballgeschwängerten Luft gab es für die Filmauswahl nur noch eine Möglichkeit. Das Runde muss ins Eckige. KINO-UPDATE. Der Film beginnt im Krieg. Ein junger Soldat zusammen mit anderen im Wald, sie tasten sich vor und werden angegriffen. Eine junge Frau in einer englischen Kneipe. Man tanzt Quickstep, dann fallen Bomben. Den Soldaten sehen wir erneut in einem Kriegsgefangenenlager, dessen junger Chef die Deutschen abgrundtief hasst. Den persönlichen Grund dafür erfährt man am Schluss. Doch zuvor kommt der Fußball ins Spiel. Der junge Soldat wird von dem verzweifelten Trainer des Ortsvereins aus dem Lager geholt, denn er ist ein über die Maßen begabter Torwart. Die Mannschaft hält davon wenig, seine Familie und seine Tochter erklären den Trainer für verrückt. Ein Nazi in einer englischen Mannschaft? Unerhört, der Krieg ist gerade ein oder zwei Jahre vorbei. Doch Bert erspielt sich die Achtung von Mitspielern und Zuschauern und die Liebe der Trainer-Tochter. Die Legende beginnt, als Manchester City den Deutschen in die Mannschaft holt. Der Torwart wird ausgebuht, bespuckt, Fans drohen mit Boykott. Auch das Familienleben hat tragische Momente. Doch Bert spielt weiter…und erzielt unglauliche Rekorde, bekommt von der Queen sogar einen Orden.

In einigen Kritiken, die ich kurz überflogen habe, wird dem Film das Etikett „Schmonzette“ aufgeklebt. Das waren vermutlich Leute, die lieber mehr Fußball gesehen hätten, als sich mit der Liebesgeschichte oder Menschen mit Kriegstraumata zu befassen. Für mich hat dieser Film den schwierigen Spagat zwischen gefühlvoller Unterhaltung, Fußballfilm und Kriegsdrama geschafft. Trautmann, gut gespielt von David Kross, und auch sonst schön authentisch besetzt, ist einen Kinobesuch wert.

Und was die Engländer und die Völkerverständigung angeht: Hat schon jemand Kloppo angerufen? Vielleicht kann der da mit dem Brexit-Desaster noch was machen.

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