Dabei sein

Vor über zwanzig Jahren hatten wir einen Traum, der nahezu abenteuerlich und unerfüllbar schien. Wir wollten uns zum Mittagessen auf dem Wochenmarkt treffen und dann wieder an die Arbeit gehen. Lächerlich für ein Paar, dass täglich etwa 250 Pendelkilometer zurückzulegen hatte oder eine Wochenendbeziehung führte. Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Mittwochs haben wir, wenn nichts dienstliches dazwischenfunkt, seit einiger Zeit etwa eine Stunde Urlaub.

Der eine isst Kibbeling, die andere Matjesbrötchen und danach trinken wir Cappuccino. Anschließend bewundere ich Blumen und Gemüse und jeder radelt zurück an seinen Schreibtisch.

Diesen Mittwoch jedoch war der Zugang zum Markt nur unter erschwerten Bedingungen möglich. „Sie haben mich gefragt, ob ich Komparse bin!“, beschwerte sich mein Mann zutiefst entrüstet, als habe man ihn gefragt, ob er Kettenraucher oder Serienkiller sei. Auf dem Markt wurde nämlich gedreht, und zwar der nächste Münster – Tatort. (Wir haben noch nie einen gesehen.) Aber Schaulustige aller Art versammeln sich vor dem Absperrband. Die interessierten mich. Schnell ein Foto, bevor ich mich in die erfreulich kurze Schlange zum Fisch einreihte.

Kurze Warteschlangen, davon konnten diese Kunst – und / oder Eventbegeisterten nur träumen. Und völlig neu war mir, dass das Projekt nach drei Tagen nur ganz knapp dem Abbruch entging.

KINO-UPDATE. Ich hatte einen netten weißhaarigen alten Herrn erwartet und ansonsten schöne Bilder. Die Dokumentation Christo – Walking on water lieferte anderes und viel mehr! Die Kamera ist immer ganz nah am Künstler und kein nerviger Kommentator schaltet sich dazwischen. Man ist hautnah dabei, wenn er einen Wutanfall bekommt (häufiger), vor etwas Angst hat (gar nicht so selten) oder sich freut wie ein kleines Kind (auch oft). Ein sehr emotionaler Mensch, der, sobald er über seine Kunst spricht, seine verstorbe Frau erwähnt. Ich bin gleich Fan seines Assistenten Vladimir geworden, der zugleich Therapeut, Personenschützer, Agent, Krankenschwester, Sicherheitsbeauftragter und Computerbediener ist. Ein Mann mit Nerven wie Stahl!

Was ist mit der Kunst? „Meine Kunst ist völlig nutzlos“, erklärt Christo mit einem Lächeln, „sie existiert nur, weil Jean-Claude und ich sehen wollten, wie das aussieht.“

Und es sah atemberaubend aus! Noch beeindruckender, wenn man verfolgen darf, welche wahnsinnige Arbeitsleistung, wieviel logistische Kompetenz dahintersteckt, bis man am Iseo-See auf dem Wasser gehen konnte. Wir waren leider nicht dabei… Durch den Film aber fast.

11 Kommentare

    1. In der Dokumentation habe ich unter anderem gelernt, dass es zwar auch um das „verpackte Ergebnis“, aber zuvor viel mehr um den nicht immer öffentlich sichtbaren Prozess geht. Interessant war auch zu erleben, wie gekonnt die Italiener das Thema „Bürokratie“ umsetzen. Christos nächstes Projekt hat ja mit „Verpackung“ nur im Entfernteren zu tun. Es wird gestapelt. Und zwar hoch. 🙂

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  1. Oh, wie schön! es ist so herrlich auf dem Markt oder? am Mittwoch früh war ich auch über diesen Wochenmarkt geschlendert und ich hatte eine Stunde Zeit drumherum zu gucken, da ich Spätschicht hatte. Es ist wirklich schön, kleine Momente zu genießen 😊 Liebe Grüße, Hang

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