Urlaubslektüre

Ursprünglich hatte ich mir den Roman als Reisebegleitung vorgenommen. Aber dann war der letzte Stapel Klassenarbeiten korrigiert, für Bewegung war es viel zu heiß und wir hatten hinten im Garten unter dem Walnussbaum (aus dessen grünen Nüssen ich gerade einen sensationellen Likör zusammenzubrauen im Begriffe bin, weswegen ich eine schmuddelig braune linke Hand habe) diesen bequemen Hängesessel installiert, der ja nach einigen Jahren schmerzlicher Unbenutztheit auch wieder ausprobiert werden wollte. In diesem saß ich also und las „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve schon einmal an. Das ist allein aus lokalpatriotischen Gründen unumgänglich, stammt doch die Amme der Annette von Droste-Hülshoff aus unserem Wohnort. Und bevor ich jetzt in eine Kurzvorlesung abgleite, sei noch gesagt, dass der Roman allen ans Herz gelegt sei, die sich für das Thema schreibende Frauen und Emanzipation interessieren. Oder für die westfälische Mentalität. Oder für das Leben der Adeligen. Oder für die deutsche Frage um 1815. Oder als Fan tragischer Liebesgeschichten und familiärer Intrigen. Bis wir losfahren, habe ich das Buch längst durch.

Zwischen 18 und 28 hatte ich, neben natürlich vielen anderen Büchern, drei grüne Bücher immer in Reisetasche oder Koffer und man kann nur feststellen, dass meiner Taschenbuchausgabe des „Herrn der Ringe“ die Reisestrapazen mehr als deutlich anzusehen sind – fleckig, fleddrig, zerknautscht. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich darin schon gelesen habe. Es ist völlig egal, an welcher Stelle ich die Geschichte aufschlage, nach zwei oder drei Sätzen bin ich wieder mitten im Geschehen und kann wie in einer Liturgie mitsprechen. Einen gewissen biblischen Charakter kann ich der Sache nicht absprechen. Dass wir uns einen Film ansehen, der das Leben J.R.R. Tolkiens zum Gegenstand hat, versteht sich also von selbst.

KINO-UPDATE. Der Film heißt schlicht Tolkien und als Regisseur wurde der zypriotische Finne Dome Karukoski angefragt, ein preisgekrönter und für seine Künstlerbiographien bekannter Mensch, der mir aber zuvor völlig unbekannt war. Mir jedenfalls sind bei dem Film an allen Ecken und Enden gut gemachte und psychologisch glaubhafte Bezüge zum „Herrn der Ringe“ aufgefallen, obwohl die Trilogie mit keinen Wort erwähnt wird und noch keine Rolle spielt. Die Jugendzeit des sprachlich sonderbegabten (oder wie kann man das nennen, wenn jemand komplette Sprachen samt Schrift, Grammatik und zugrundeliegender Historie erfindet?) Schriftstellers (gespielt von Nicholas Hoult) und seine Erfahrungen im ersten Weltkrieg stehen im Vordergrund. Lily Collins spielt seine große Jugendliebe und spätere Ehefrau Edith. Auch die anderen Schauspieler überzeugen, besonders auch die Gruppe der Freunde. Und dann fand ich sehr schön, das gute alte Oxford zu sehen und mich an die Ausstellung zu erinnern, die wir dort sehen durften.

Fazit: Für die Bücher-Fans ein Muss, ansonsten ein interessanter Film mit englischem Flair und einem Blick auf die Widerwärtigkeiten des ersten Weltkriegs.

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2 Kommentare

  1. Die drei Bände im Schuber aus dem Klett-Cotta Verlag, gestaltet von Heinz Edelmann, habe ich auch besessen und zerlesen, meine Lieblingslektüre Ende der 1970-er Jahre. Wer hat die jetzt? Einer meiner Söhne. Geht es im Film auch um den literarischen Oxforder Zirkel, die Inklings?

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