Die Naivität der Klugen

Menschen mit besonderen Begabungen als Musikerinnen, Künstler, Schachspieler oder Physikerinnen haben meine volle Bewunderung. In dem von mir bereits genannten Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ wird unter anderem der Vollblutgermanist Jacob Grimm porträtiert, der sich in seine Arbeit versenkt und erstmals eine deutsche Grammatik schreibt. Er ist, wie viele andere Spezialisten, im Umgang mit Menschen wenig geschickt. Fräulein Nette dagegen ist einerseits klug, andererseits aber ungebremst und arglos, so dass sie in die Fallen nahezu zwangsläufig tappt.

KINO-UPDATE. Der Titel klingt getragen, um genau zu sein sogar schwülstig: Geheimnis eines Lebens. Das Geheimnis hütet Joan Stanley und die Sache fliegt erst auf, als der MI5 anklopft und die 87-jährige alte Dame wegen Hochverrat zum Verhör mitnimmt, argwöhnisch beäugt von den Nachbarn.

Dann folgt eine intelligent zusammengeschnittene Geschichte der Physikstudentin und Vorzeigeabsolventin Joan, die in der Gegenwart verhört wird und in Erinnerungen an die alten Zeiten versinkt. Judi Dench gibt souverän und überzeugend die Frau, die eigentlich nur die Welt retten wollte, indem sie für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgt. Als junge Frau (sympathisch: Sophie Cookson) arbeitet sie an der Entwicklung der Atombombe mit. Befreundet ist sie mit dynamischen und überzeugten Jungkommunisten, verliebt sich auch. Das Land zu verraten, kommt für sie aber keinesfalls in Frage. Als aber die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fallen, ist sie verzweifelt. In einer sehr kindlichen Logik, befeuert von „Freunden“, erscheint es ihr geboten, auch die Sowjetunion an den Forschungsergebnissen teilhaben zu lassen. Und das, obwohl sie ihre neue Liebe, den führenden Professor und späteren Ehemann, damit in größte Schwierigkeiten bringt. Je mehr ihrer Vergangenheit ans Licht kommt, desto mehr gerät der Sohn (ein seriöser und auch nicht mehr junger) Rechtsanwalt aus der Fassung.

Fazit : Menschliche Gefühle und Motive an einem wichtigen Punkt der Geschichte. Interessant. Nebenbei wird auch die Rolle der Frauen mitbeleuchtet, denen im Wissenschaftsbetrieb selten mehr als Teekochen zugetraut wurde.

9 Kommentare

      1. Mich hat auch die Überschrift des beitrages angesprochen, war ich doch selbst in jungen Jahren mehr auf die Weise von Fräulein Nette forsch und naiv und somit auch einigen Intriganten ausgesetzt, die meine Weltsicht als unglaubwürdig hinstellen wollten. Deshalb habe ich mich im – kurzen, weil Denkverbote – Psych.-Studium intensiv mit Intrigen/Reaktion sowie Manipulation befasst. Nicht um das Wissen selbst anzuwenden, sondern um mich schützen zu können. Auch die Dinge, die man ablehnt, muss man m. E. genau kennen und ergründen, um dem etwas Substantielles entgegen setzen zu können.

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      2. Nein, die hatte man als kluges Mädchen zu jenen Zeiten nicht. Ich hab mal während einer Klassenfahrt ihr Haus in Meersburg besucht. Da hatte ich schon das Gefühl, dass sie den Zwängen entronnen war und ihre Form der Freiheit gefunden hat. Es war so wundervoll friedlich und warm dort.

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  1. Danke für den Hinweis auf „Fräulein Nettes kurzer Sommer.“ An Jacob Grimm hat mich tief beeindruckt, dass er mit 53 Jahren an der Erarbeitung des Deutschen Wörterbuchs begonnen hat, von der er bald wusste, dass er sie nie vollenden können würde. Dieses Denken über die Grenzen der eigenen Existenz hinaus ist uns mit der Fixierung auf die zeitnahen Prozesse der Gegenwart abhanden gekommen. Demgegenüber ist die von dir geschilderte Figur Fräulein Nette mir auch nah, weil ich glaube, dass beide Lebenshaltungen wichtig sind und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.

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