Heiß und kalt

Wir sollten einen dicken Pullover mitnehmen, wird verlangt, als wir zwecks Familienzusammenführung nach Maastricht fahren, diesmal, um uns in der Drei-Frauen-Konstellation Oma, Mutter, Enkelin zu treffen. Ach klar, machen wir, denn wir sind verrückt genug am heißesten Tag des Jahres in eine Gegend zu fahren, in der es noch heißer ist.

Am späten Vormittag, später als geplant, kommen wir an, denn beim Hereinfahren in die Stadt verfransen wir uns zunächst. Da aber Dankbarkeit dieser Tage in Blogs ein großes Thema ist, sind wir mehr als dankbar für die Erfindung der Klimaanlage, vor allem auch im PKW.

Dann geht es los. Wir passieren das Centre Céramique, eigentlich wegen der Möglichkeit, sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen. Aber es ist auch eine interessante Ausstellung zu sehen. VRIJ!? FREE!? heißt sie und beschäftigt sich kritisch mit der Befreiung Limburgs und Maastrichts durch die amerikanische Armee vor 75 Jahren (noch zu sehen bis zum 15. September).

Das Thema zweiter Weltkrieg begegnet uns später noch einmal nachhaltig,aber zuerst genießen wir einen Blick auf die Maas.

Auf der anderen Seite bekommen wir gezeigt, wie sich in einer profanierten Kirche Buchhandel, Verleih und Café aufs Schönste miteinander verbinden.

Dann ist es Zeit für einen Mittagssnack außerhalb der Sonne. Wir stärken uns für die Überraschung des Tages. Zunächst müssen wir dazu auf einen Berg, den Sint Petersberg, verkündet die Jüngste. Wir wappnen uns innerlich gegen die Saharaluft und marschieren los, vorbei an der Helpoort (Höllenpforte), Teil der alten Stadtbefestigung und so geheißen, weil die Pestkranken dadurch aus der Stadt befördert wurden. Auf dem Foto der Teil links des Tores.

Irgendwie erreichen wir den Berg, von Schwitzen kann eigentlich gar nicht mehr die Rede sein, das hier ist noch ein ganz anderer Zustand. Dafür aber schöner Blick auf die Stadt und in der Ferne das Schlösschen von André Rieu, dessen Konzerte eine Woche lang die Innenstadt sehr laut beschallt haben, wie unsere Neu-Holländerin berichtet.

Ein gut gelaunter Herr leitet die Führung auf Englisch und Deutsch durch die sogenannten Grotten, die kein natürliches Höhlensystem seien, sondern ein chaotisches Stollennetzwerk zum Abbau von Kalkstein. Warum chaotisch? Jede, der oben eine Parzelle besaß, durfte auch den Stein darunter abbauen, es gab keine einheitliche Planung, was den eigenmächtigen Gang durch das System ebenso gefährlich wie interessant macht. Vor allem aber liegt die Luftfeuchtigkeit bei etwa 90% und die Temperatur bei sagenhaften 9 Grad. Während der ersten 45 Minuten wünschen wir uns, diesen Ort nie mehr verlassen zu müssen. An den Wänden zahlreiche Kohlezeichnungen aus Tagen, als die Grotten für die Bevölkerung frei zugänglich waren.

Wir erfahren viel über Saurierknochen, die Besonderheiten des Kalksteins sowie – da holt uns das Thema Weltkrieg wieder ein – die Aufbewahrung wertvollster Gemälde aus dem Amsterdamer Reichsmuseum in einem speziell dafür hergerichteten Abschnitt. Dann kommt der Selbsterfahrungsteil. Der Herr sammelt die Lampen ein und verspricht uns eine spannende Wanderung durch absolute Dunkelheit, natürlich freiwillig. Kaum ist er mit der Oma und einem jüngeren Kind verschwunden, beginnt das Gefühl völliger Desorientierung. Wir tasten uns vorwärts, wobei, wo ist vorwärts? Nur 70 Meter in völliger Dunkelheit verwirren uns. Kein Wunder, dass die Polizei früher jeden Morgen einige Verlorengegangene auflesen musste. Nicht selten hatte das Abenteuer ein böses Ende. Wir haben inzwischen tatsächlich kalte Füße und sind bereit, den Kampf mit der Saharaluft wieder aufzunehmen. Und zwar in Form eines Eiskaffees unter Bäumen.

Zum Schluss besuchen wir die alte Basilika und zünden vor der Madonna „Stern des Meeres“, die wir in den Grotten schon als Zeichnung sehen durften, einige Kerzen an.

Zeit für den Heimweg, diesmal über die andere Brücke.

Rückfahrt ohne Stau und ohne Verwirrung. Danke 😊

8 Kommentare

    1. Nee, tut mir leid. Dazu war ich zu gerne Messdiener. Der Anblick so einer entweihten Kirche tut meiner Seele weh. Dann lieber abreissen, dann ist Ruhe. Ich mag ja die Holländer als lustiges Völkchen. Aber müssen die immer alles profanieren und zu Geld machen?

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      1. Naja, hier ist es ja nicht anders. In Münster wurde eine Kirche in eine Wohnanlage umgebaut. In Gescher sind die Gemeindemitglieder einer Kirche, die abgerissen werden sollte, auf die Barrikaden gegangen und haben mit viel Enthusiasmus eine alternative Nutzung entwickelt. Ich glaube, da waren sogar sehr viele überzeugte Katholiken dabei..

        Gefällt 2 Personen

  1. Die Buchhandlung in der Kirche erinnert mich daran, dass die Kirchen des Mittelalters oft Bibliotheken enthielten, soweit sie im Kirchenschiff zugänglich, waren die Bücher freilich angekettet. Ich fand die Stimmung in der ehemaligen Dominikanerkirche bei meinem ersten Besuch sehr anheimelnd.

    Gefällt 2 Personen

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