Tüte der Woche Nr. 7

In der digitalen Nachbarschaft schreibt Jules über Junggesellenabschiede . Eine bessere Vorlage zum Thema „Schmerzen“ ist für mich kaum vorstellbar. Und so widme ich diese Ausgabe der Tüte der Woche dem einstmals klassischen Apothekentütchen im Kleinformat 26 x 19 cm.

Die Farbgestaltung ist schlicht, weiß und preußisch-blau.

Auf der einen Seite ist die Zeichnung eines linken Fußes abgebildet, Kringel und Pfeile verweisen unmissverständlich, worauf im Text Hoffnung gemacht wird: Leicht befreit von schmerzenden Hühneraugen und Hornhaut. Mit einem Längsstrich abgetrennt und dadurch hervorgehoben das Wundermittel W-Tropfen, die vielleicht wegen „Wundermittel“ so heißen, hauptsächlich aber wohl deswegen, weil sie auch zur Warzenentfernung dienen.

Im Kleintext darunter ein Auszug aus dem Beipackzettel und der übliche Hinweis auf die Unbedenklichkeit der Tüte: W-Tropfen bei Hühneraugen und Hornhaut. In vereinzelten Fällen auftretende Rötungen und Hautjucken verschwinden schnell. Much AG, 6232 Bad Soden. – Umweltschutz: Diese Tragetasche ist aus Polyäthylen. Bei der Verbrennung entstehen keinerlei giftige oder korrodierende Abgase. 96900-07

Die andere Seite wirbt für SPALT , was mich veranlasst, schnell noch einmal nachzulesen, was es mit diesem Produkt auf sich hat. Wer den Link aufruft, erfährt wie ich allerlei Erstaunliches, z.B. dass die charakteristische Form dazu dienen sollte, die Tablette im Dunkeln durch Fühlen erkennbar zu machen. Gleichzeitig soll der Name metaphorisch für die Aufspaltung des Schmerzes stehen. Die Firmengeschichte der Much AG und der Herren Much und Baginski ist sowohl spannend als auch bewegend. Seit 1993 gibt es die Firma nicht mehr. Aber, man höre und staune, die Produktion eines Teils der Arzneimittel ist unter Wyeth Pharma nach Münster gekommen. Auch diese Firma gibt es inzwischen nicht mehr, so dass die Tüte ein gutes Beispiel für die Konzentration im Pharmaziebereich ist.

Diesen Werbespruch kennt wohl jeder. Das hat sich die Ursprungsfirma auch etwas kosten lassen, im Jahr 1932 beispielsweise sollen über 60% der Einnahmen durch das Produkt in Werbemaßnahmen geflossen sein.

Es folgt, der Vollständigkeit halber, das Kleingedruckte. Wer schnell unter Kopfscherzen leidet, kann den folgenden Absatz auch überspringen 🙂

Spalt bei Kopf- und Zahnschmerz, Monatsbeschwerden, Erkältungen, Rheuma. Nicht anwenden bei Blutungsneigung, Magen- und Darmgeschwür, schweren Nierenfunktionsstörungen, akuter hepatischer Porphyrie und im letzten Schwangerschaftsmonat. Selten kann es zu geringfügigen Magen- und Darmblutungen, Asthmaanfällen und Hautreaktionen kommen. Bei längerer Anwendung oder höherer Dosierung Arzt befragen. Much AG, 6232 Bad Soden (Ts.).

Kommentar: Wie viel eine so kleine und unscheinbare Tüte doch über das Wirtschaftsleben verraten kann!