Tüte der Woche Nr. 23

Was ist ein gemütlicher Sonntagnachmittag? Ganz einfach: Opa sitzt Zigarre rauchend im Sessel und ich, da ich gerade eben Lesen gelernt habe, helfe beim Kreuzworträtsel. Europäische Hauptstadt, fränkisch Hausflur, Abkürzung für Lastkraftwagen, Fluss mit o als zweiter Buchstabe. Perfekter konnte ich mir einen Zeitvertreib nicht vorstellen. So unterbreche ich die Reihe zum Fachgeschäft und widme diese Ausgabe der Tüte der Woche meinem Opa, der in den nächsten Tagen seinen 108. Geburtstag gefeiert hätte.

Die Fakten

Breite 33,5 cm. Höhe 42 cm.

Die Tüte ist weiß mit orangefarbener Schrift. Groß in der Mitte steht in altdeutschen (?) kleinen Druckbuchstaben vdk. Darunter mittig in zwei Zeilen Landesverband Nordrhein-Westfalen.

Orange ist heute nicht mehr angesagt, die aktuelle Webseite setzt auf Blau.

In der Tütenfalz stehen zwei geheimnisvolle kleine Nummern, nämlich eine 0 sowie eine 1.82. Keine weiteren Angaben.

Der Sozialverband wurde als Landesverband im Oktober 1948 gegründet. Die Abkürzung bedeutete ursprünglich „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands e. V.“ Mein Opa war dort Jahrzehnte engagiert, nicht nur als Betroffener mit Beindurchschuss, sondern als Unterstützer für zum Beispiel Frauen und Kinder, deren Männer und Väter vermisst wurden und die daher Bürokratisches zu bewältigen hatten, bis ihnen eine Rente gewährt wurde.

Die Bezeichnung „Kriegsbeschädigte“ wird heute nicht mehr verwendet. Und lange Zeit schien es, als würde man dieses Wort in Europa vielleicht auch nicht mehr benötigen…

Der Verband setzt sich löblicher Weise ein für soziale Gerechtigkeit und prangert auf seiner Seite die Kluft zwischen Arm und Reich, aber auch andere Missstände an. Zum Weltfrauentag haben sie ein starkes Statement veröffentlicht.

Kommentar: Einsatz für Schwächere, das bleibt ein Dauerthema.

17 Kommentare

  1. Das Kürzel vdk ist tatsächlich in Fraktur gesetzt, vielleicht als Gegenbewegung zum Erlass der Nationalsozialisten von 1941, in dem die Fraktur als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft und ihr Gebrauch verboten wurde. In den 1930-er Jahren hatte die Fraktur noch als deutsche Schrift gegolten, die mit ihren Ecken und Kanten am ehesten dem deutschen Nationalcharakter entspräche. 1933 entstand ganz in diesem (Un)geist ein Neuschnitt, die „Tannenberg“, von den Schriftsetzern ironisch „Schaftstiefelgrotesk“ genannt. An die Tannenberg ist das Logo vdk angelehnt. Die Schrift darunter ist eine serifenbetonte Linearantiqua, in Deutschland auch Egyptuienne “ genannt. Sie wurde von Heinrich Jost ebenfalls in den 1930-er Jahren entworfen und heißt „Beton.“

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    1. Was mir bei der Verordnung zum Verbot 1) besonders gefällt – der Vordruck ist auf jeden Fall in einer Unterart der Gebrochenen Tannenberg-Schrift gehalten (?) oder noch gotischer verschnörkselt. Interessant auch, daß das Nazi-Regime Aufstieg und Höhepunkt den Schwabacher Judenlettern verdankte bzw erst sehr spät, 1941 entdeckte, daß es solche sind und den Völkischen Beobachter das erste Mal erst am 15. August 41 (?) 2) nicht mehr in Frakturschrift, sondern in Antiqua setzte. Man könnte auch meinen: von da an ging’s bergab – der Schwung hielt sie zwar noch ein wenig in der Horizontalen, so etwa ein Jahr lang; doch spätestens ab Stalingrad war die Sache klar: in jener Zeit, als sie die abartige Judenschrift verwendeten, ging es ihnen eindeutig besser … 😉
      1) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bc/Schrifterlass_Antiqua1941.gif
      2) https://www.berlinstory.de/blog/voelkischer-beobachter-jetzt-in-antiqua-schrift-15-august-1941/

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      1. Der Briefbogen der NSDAP wie auch der Kopf des Völkischen Beobachters bis 1941 in der Bernhard Fraktur gesetzt. Als die Nationalsozialisten erfuhren, dass der Entwerfer Lucian Bernhard Jude war, wollte man die Peinlichkeit verheimlichen und erklärte kurzerhand alle Frakturschriften zu Judenlettern.

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      2. Ich habe zu danken. Es gibt einige Spekulationen, wieso die Fraktur 1941 in Ungnade fiel und verboten wurde. Alle Erklärungen gehen von rationalen Gründen aus. Dein Hinweis auf den Briefbogen der NSDAP ließ mich recherchieren, wie die Frakturvariante heißt und ich stieß auf den Entwerfer Lucian Bernhard. 1941 muss den Nazis aufgefallen sein, dass Bernhard Jude bzw. Halbjude war. Man kann sich vorstellen, wie Hitler getobt hat. Die Peinlichkeit zu verschleiern war der irrationale Grund. Ich bin erst durch Andreas Tüte und deinen Kommentar dahinter gekommen.

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      3. Wenn du das so sehen willst, nenne ich es einen glücklichen Zufall der Geschichte … und gebe zu, daß mir deine Spekulation über das mögliche Verhalten des Böhmischen Gefreiten ein Lächeln ins Gehirn zeichnete. Für mich war er schon immer ein adäquater Insasse der ‚Meldemannstraße‘. In der Straße dieses Namens in Wien gab es bis in die Neuzeit ein Männerasyl, wo Unterstandslose Aufnahme fanden.

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  2. Herzlichen Dank für die fachkundige Ergänzung! Ich bin immer wieder überrascht darüber, wie viel Wirkung von einer Schriftart ausgeht. Ob die allgebräuchliche „Arial“, die auch ich häufig verwende, nicht nur zu guter Übersicht, sondern auch ganz glatten Gedanken ohne Widerhaken führt, vermag ich aber nicht zu beurteilen.

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  3. Meinen ersten Urlaub habe ich mit 7 Jahren mit dem VDK gemacht. Ich hatte damals chronische Bronchitis wegen den vielen HB die mein Vater rauchte. Da meinte mein Onkel, der Mitglied im VDK war, dass es für uns alle mal gut wäre eine Woche ins Allgäu zu fahren.

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      1. Das war 1970, lange her, aber ich weiß noch dass es im Maria Rhein war und wir auf dem Bauernhof wohnten. An was ich mich am stärksten erinnere ist der Geruch der Küa. Der war nicht wirklich schlecht aber ungewohnt. Mit der Luftverschmutzung war es bei uns in Aschaffenburg auch übel. Bei Westwind kam der ganze Dreck von Höchst und Papierfabrik ind staute sich in dem Kessel vor dem Spessart.

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