Tüte der Woche Nr. 28

Diesmal wird es eine längere Geschichte. Ihr habt etwas Zeit? 😊 Noch in den Nachwehen einer kleinen Corona-Depression durchsuchte ich direkt nach der Vorstellung der letzten Tüte den Stapel der bereits zur Präsentation ausgesuchten Exemplare, aber keine sprach mich an. Im Keller, zum Schutz vor Sonnenlicht, bewahrte ich die auf, mit denen ich nicht auf Anhieb warm geworden war. Plötzlich flatterte mir etwas vor die Augen. Nanu, da war ja noch ein Tukan!

Die Fakten

Breite: 27,5 cm. Höhe: 40 cm.

Auf der Rückseite ist in der Mitte nochmals groß das Markenlogo abgebildet und darüber ein Text, der das Alter der Tüte doppelt entlarvt: „Tukan ist Spitze.“ – passt zwar gut zum angespitzten Bleistift, erinnert aber doch mehr an alte Zeiten vor dem Fernseher mit Dalli, Dalli. „Und gut für’s Taschengeld.“ – das reimt sich nicht nur nicht, es setzt voraus, dass Kinder sich den Schulbedarf vom Taschengeld kaufen müssen.

Was ist denn mit dem Tukan heute, wie wurden Design und Slogan angepasst? Ich recherchiere und finde – nichts. Massenhaft Tukane zwar, als Literaturpreis, als Logo einer Hotelkette (der Familie van Valk, hihi), als Handtuch-Eigenmarke von Aldi. Unzählige Schablonen. Aber nicht der Tukan, den ich suche. Das gibt’s nicht! Hartnäckige weitere Suche bringt mich zu ebay und einem Päckchen bunter Kreide. Da ist mein Logo.

Doch auch mit dem neuen Suchbegriff „Schulkreide“ komme ich nicht weiter. Inzwischen ist auf meinem Notizzettel eine illustre Vogelhochzeit versammelt: Meise und Taube (beide Möbel), Kuckuck (Kinderprodukte), Rabe und Adler (Mode), Storch (Werkzeug), Falke (Strümpfe). Bei Schulbedarf stoße ich auf Schwan, selbstverständlich auf Pelikan und immer wieder auf Milan. Die enden alle auf „-an“, genau wie Tukan. Eigenartig.

Zurück zu ebay, da ist ein weiteres Foto, die Kreidepackung wurde aufgeklappt.

Da steht doch was auf dieser Kreide!? Mit Mühe entziffere ich „schreipa“. Nie gehört, was soll das sein? Immerhin, ein weiterer Suchbegriff. Das Internet belohnt mich mit reicher Beute: vier lustige Aufkleber.

Den bewaffneten Vogel würde man heutzutage wohl kaum in der Schule dulden.
Ein klassisches Mobbing – Opfer?

So viel Mühe wurde in den Ausbau dieser Marke gesteckt und nun ist sie wie vom Erdboden verschwunden? In keiner Historie eines namhaften Herstellers, durch die ich mich im Laufe der Tage lese, wird der Tukan auch nur mit einem Flaumfederchen erwähnt. Ich lese mich durch alte Handelsregisterauszüge und erhalte die Information, dass die Firma „schreipa“ nicht mehr existiert. Außerdem zwei Namen und zwei Firmen. Ich rufe bei der einen an und ich schreibe bei der anderen eine Email an den Chef, am Freitagnachmittag.

Eine nette Dame habe ich in der Leitung. Ach ja der Tukan, sagt sie. Als sie bei der Firma angefangen habe, Anfang der 90er, da habe es ihn noch gegeben. Dann sei die Marke aufgegeben worden. Aber die Bilder waren schön, die habe sie neulich aus dem Archiv gegraben und sich ins Büro gehängt.

Wie nett, freue ich mich. Das kann ich schreiben. Und plötzlich plumpst mir eine Email ins Postfach.

Gesendet: Freitag, 3. April 2020 13:06 An: Wolfgang Möbus

Betreff: Marke Tukan

Sehr geehrter Herr Möbus,
ich wende mich an Sie mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte. In den 80er Jahren habe ich als Jugendliche
fleißig Plastiktüten gesammelt, ohne damit einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Im letzten Jahr habe ich
die Sammlung vom Dachboden meiner Mutter gerettet und stelle seitdem in einem Blog einmal wöchentlich
eine Plastiktüte vor.

Nun habe ich eine Plastiktüte in Bearbeitung, Sie ahnen es schon, auf der ein fröhlich fliegender Tukan
abgebildet ist, zusammen mit dem Markenlogo. Gerne gebe ich bei meiner Vorstellung der Tüten Hinweise
auf die Geschichte der Firma bzw. der Marke. Die Recherche erwies sich als relativ schwierig, aber auf Ihren
Namen bin ich im Zusammenhang mit der „schreipa“ gestoßen.
Dieses Wort steht auch auf bunter Kreide der Marke Tukan, die bei ebay zu kaufen wäre.

Können Sie mir möglicherweise sagen, aus welchen Gründen der Tukan aus dem Schulbedarf wann
verschwunden ist? Gibt es verwandtschaftliche Beziehungen zum in derselben Branche tätigen Milan?

Über eine Antwort freut sich
frauhemingistunterwegs.wordpress.com

Empfangen: Montag, 6. April 2020 13:23 An: Andrea Heming

Liebe Frau Heming,
besten Dank für Ihre „Geschichte“ die mich irgendwie nicht nur gefreut, sondern auch etwas berührt hat.
Sicherlich kommt dies auch daher, dass ich in meinem ganzen (Berufs-) Leben ausschließlich mit und
in dieser Branche verbunden und aufgewachsen bin. Interessant auch, was für ein Hobby Sie haben.
Plastiktüten sammeln und die Geschichte dazu recherchieren. Was so alles gemacht wird. Ich bleibe
da lieber bei meiner alten Märklin-Eisenbahn in meiner Freizeit und auch nur bei schlechtem Wetter.
Sonst bin ich gerne mit meiner Frau und der Familieim heimischen Garten in der frischen Luft oder
bei Wanderungen im nahen Umfeld unterwegs.

Nun zu Ihren Fragen:
Bis 2001 gab es zwei verschiedene Verbundgruppenfür den PBS- (Papier, Bürobedarf + Schreibwaren)
Großhandel. Die eine war die schreipa, wie von Ihnen namentlich erwähnt, die andere Gruppe war das
Europakontor. Diese beiden Verbundgruppen fusionierten 2001 zur InterES, wo Sie jetzt mit Ihrer Anfrage
gelandet sind. Das „E“ in InterES stammt von“E“uropakontor, das „S“, wie sich nun denken können,
von „s“chreipa. Beide Verbundgruppen hatten damals eine eigene Handelsmarke. Das Europakontor hatte die
Eigenmarke „POLO“, die schreipa hatte die Eigenmarke“Tukan“. Im Zuge der Fusion, um die Kräfte/
Mengen zu bündeln, fiel die Eigenmarke „POLO“ vom Europakontor unter den Tisch und man wollte
dann gemeinsam die Eigenmarke „Tukan“ weiter vertreiben.

Nachdem diese Eigenmarke „Tukan“ aber von der Firma Pelikan damals nur „geliehen“ war, die Rechte
lagen also in der Hand der Fa. Pelikan, wollte man sich in dem Zug der Fusion und einer einheitlichen Marke
von dem großen Lieferanten (Pelikan) unabhängig machen und suchte nach einer eigenen Marke die der Marke
Tukan sehr ähnlich war. Auch sollte es möglichst weiterhin ein Vogel bleiben. So kam man dann auf die
Marke „Milan“ die wir seither weiterhin erfolgreich über unsere Mitglieder auf den Markt bringen. So viel
zu dieser/unserer Geschichte.

Wenn Sie nun über eBay noch Tukan-Ware (Kreide) finden, so können Sie sich ausrechnen, wie alt diese
Ware inzwischen sein muss. 19-20 Jahre mindestens!

Sollten Sie mehr über unsere Verbundgruppe wissen wollen, können Sie sich gerne auf unseren neuen
Seiten unter http://www.inter-es.de näher informieren.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls weiterhin viel Spaß bei Ihrem „Plastik-Tüten-Hobby“, bewahren Sie
die Tukan-Tüte besonders gut auf und halten sie inEhren – und bleiben Sie in den aktuell schwierigen
Corona-Zeiten vor allen Dingen gesund!

Mit freundlichen Grüßen aus Nürnberg
InterES GmbH & Co. KG

Wolfgang Möbus

Kommentar: Vielen Dank an die freundlichen Menschen der Firma InterES. Diese Tütensache wird immer spannender, ich freu mich jetzt schon auf die nächste  😊.

10 Kommentare

  1. Tolle Recherche, Kompliment! Ich kann mich an Tukan leider nicht erinnern und wundere mich gar nicht, dass es die Marke nicht mehr gibt. Die Schreibgerätehersteller erleben spätestens seit Anfang 2000 schwere Zeiten. Schon in den 1990-er Jahre sagte mir der Chef einer großen Werbeagentur stolz: „Sie finden hier im ganzen Haus keinen Bleistift mehr.“
    Farbige Kreide sehe ich in letzter Zeit oft, bei den im Frühling auftauchenden kindlichen Pflastermalereien.

    Gefällt 1 Person

  2. Super! Sowohl Dein Recherche-Einsatz als auch die freundliche Antwort von Herrn Möbus. Wenn du ihn nicht gefragt hättest – wer weiß, vielleicht wäre sein Wissen spätestens mit seinem Ableben (und ich wünsche ihm natürlich, daß es noch lange auf sich warten läßt) für immer verschollen gewesen.

    Gefällt 1 Person

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