Therapiertes

Sigmund Freud und Tunesien sind eine merkwürdige Kombination, denke ich schon auf dem Weg ins Kino. In meinem Kopf haben sie gemeinsam, dass ich nur oberflächliche Kenntnisse besitze, über Tunesien eigentlich noch weniger als das. Nach dem Film hilft Wikipedia nach: es sei das nördlichste Land Afrikas und wird als das einzige demokratische Land in der arabischen Welt angesehen. Einfach ist das Leben dort trotzdem nicht, erst recht nicht für Frauen.

KINO-UPDATE. Regisseurin Manele Labidi, die auch das Drehbuch schrieb, hat aber keine Betroffenheitsdoku oder ein Drama für ihre Geschichte gewählt, sondern ganz bewusst eine Komödie. In einem Interview auf der Seite FilmBizNews sagt sie dazu:

„Eine Komödie zu drehen gab mir die Freiheit, ernste Themen mit mehr Distanz zu betrachten und auf eine weniger brachiale Art und Weise vor der Kamera zu verhandeln, als das oft in einer Tragödie der Fall ist. Außerdem spielt der Humor eine sehr wichtige Rolle in der tunesischen Kultur.“

Worum geht es denn jetzt? Selma ist Französin und hat Psychologie studiert. Sie fasst den von allen nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommenen Plan, nach Tunesien zurückzugehen und dort eine Praxis für Psychotherapie zu eröffnen. Alle sind dagegen, man prophezeit ihr ein wirtschaftliches Desaster, doch kaum ist die Praxis eingerichtet und das Gemälde von Sigmund Freud mit orientalischem Fes an der Wand, stehen die Menschen Schlange. Zwar hat sie (noch) keine Lizenz, ein Großteil der Kundschaft kann nur in Naturalien zahlen, aber der Gesprächsbedarf ist enorm. Reiche Damen, traurige Imame und schräge Vögel geben sich die Klinke in die Hand.

Politische, gesellschaftliche und individuelle Probleme wie Erfahrungen mit Polizeiwillkür, Bestechung oder Homosexualität werden luftig-leicht gestreift, ohne Selma (gespielt von Golshifteh Farahani) aus den Augen zu verlieren. Sie kämpft sich rauchend und immer um Verständnis bemüht durch eine Welt, die ihr vertraut ist – und auch wieder nicht.

Auf der Couch in Tunis zeigt ein Land im Umbruch, dem wir die Daumen drücken sollten. Empfehlenswert für eine unterhaltsame etwa 90 minütige Kurzreise nach Nordafrika.

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