Verflossenes

Im Wohnzimmer hängt ein großer Fotokalender mit Bildern der Italienreise aus dem Sabbatjahr. Was waren das für Zeiten, als wir damals, 2018, einfach einen alten Wohnwagen ans Auto hingen, um die italienische Küstenlinie abzufahren.

Der melancholische Blick zurück.
Seufz.

Naja, das Italien eben, das wir Deutschen (auf jeden Fall ich) so hingebungsvoll lieben und das eigentlich ein Italien der romatisierten Vergangenheit ist. Italien ist ein europäischer Nachbar mit vielen Problemen, aber auch ein ein Mythos. Die dunkle Seite des Mythos gehört, kräftig belebt von der Filmindustrie, der Mafia. Allein die Namen, Camorra (Neapel) oder Ndrangheta (Kalabrien), erzeugen eine wohlige Gänsehaut und den Wunsch nach einem Angebot, das man nicht ausschlagen kann.

KINO-UPDATE. Mit dem romantischen Blödsinn muss auch irgendwann mal Schluss sein, dachte sich wohl Regisseur Marco Bellocchio. Er stellt in seinem Drama Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Mafia die Geschichte um den Sizilianer Tommaso Buscetta vor, der als erstes Mitglied sein Gelübde bricht und gegen die Cosa Nostra vor Gericht aussagt. Das tut er nicht, weil er irgendeine seiner Taten bereut, sondern weil er sich für einen wahren Ehrenmann hält, während andere die „echte“ Cosa Nostra verraten haben. Pierfrancesco Favino spielt diesen vitalen und von sich überzeugten Mann. Man ist geneigt, ihn sympathisch zu finden, seine früheren Partner und jetzigen Gegner dagegen abscheulich. Aber so einfach ist die Sache dann doch nicht. Zwischendurch läuft auf der Leinwand ein Bodycount mit, der die vielen Toten der Bandenkriege dokumentiert. Ich habe mich dabei gefragt, wie es sein kann, dass die Frauen diesen ganzen Quatsch mitmachen und sich ihre Ehemänner, Söhne und Brüder für nichts und wieder nichts umbringen lassen. Spannend ist die Geschichte, Szenen aus dem Gerichtssaal wirken beinahe dokumentarisch. Beim Verlassen des Kinos ist dem Zuschauer aber klar : Die Mafia ist ein brutaler und menschenverachtender Staat im Staate. Die sogenannte Ehre ist nur Schein. Hut ab vor allen Richtern und Staatsanwälten, die es mit diesen Verbrechern aufnehmen. Sehenswerte 153 Minuten.

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