Fotografiertes

Eine Schülerin erzählt ihrer Sitznachbarin, sie habe in den nächsten zwei Tagen bis zum Geburtstag ihrer Freundin schrecklich viel zu tun. Da sie in der ersten Reihe sitzt und ich nahe dran bin, erlaube ich mir nachzufragen, was da so viel Arbeit verursacht. Sie mache ein dickes Foto- und Geschichtenbuch mit all den gemeinsamen Erlebnissen. Soso, all die Erlebnisse, denke ich bei mir, sage aber (und meine es auch so), dass das eine sehr schöne Idee ist und frage freundlich, wie alt die Freundin denn wird. „Fünfzehn“ ist die Antwort.

Es gibt inzwischen Generationen von Kindern, deren Aufwachsen durch Eltern und schnell auch sie selbst nahezu lückenlos fotographisch dokumentiert ist, was mich zu der These verleitet, dass heute noch viel mehr als früher genau die Momente im Leben entscheidend sind, von denen bewusst keine Fotos gemacht wurden. Andererseits – über unsere zahlreichen Urlaubsfotos bin sehr froh, kein Grund also, sich über „all die Erlebnisse“ lustig zu machen…

KINO-UPDATE. Christina Eames, eine berühmte New Yorker Fotographin, stirbt unerwartet. Der Journalist Michael Block (Lakeith Stanfield) soll ein Feature über sie schreiben und interviewt einen früheren Freund der Künstlerin aus Louisiana. Der scheint an seiner alten Liebe noch zu hängen und hat verschiedene Fotos von oder mit ihr in seiner Küche hängen. Weitere Recherchen bringen Michael in Kontakt zu Mae (Issa Rae), der Tochter der Künstlerin, die als Museumskuratorin arbeitet. Ihre Mutter, zu der sie kein gutes Verhältnis hatte, hat ihr einen Brief hinterlassen. Regisseurin Stella Meghie nutzt diesen Brief als Mittel, um die frühere Geschichte der Mutter mit der heutigen Geschichte der Tochter zu verknüpfen.

Es beginnt eine in schönen Bildern erzählte, aber völlig unspektakuläre Liebesgeschichte, eingebettet in den alten Traum, dass man in New York alles werden kann, bei der die Regisseurin einige Gelegenheiten ausließ, die Geschichte dramatischer zu machen oder die Hauptfiguren näher auszuleuchten. Das nun doch Spektakuläre an der Normalität ist die Tatsache, dass alle Hauptrollen und auch die meisten Nebenrollen mit Afroamerikanern besetzt sind. Trotzdem (oder deswegen) : keine Kriminalität, keine Drogen, kein berufliches Scheitern, keine prekären Verhältnisse. Gezeigt wird das bürgerliche Bildungsmilieu in New York. Aus der Perspektive der Black-Lives-Matter-Bewegung erscheint der Film daher in einem anderen Licht. Dass es ausnahmsweise mal nicht um eine Liebesgeschichte zwischen Weißen geht, fällt nur an wenigen Stellen auf, etwa beim ersten Date. Mae und Michael verhandeln ihre Meinung über die Rapper Kanye West, Drake und Kendrick Lamar. Das hat sicher mit dem Selbstverständnis einer Community zu tun, in die ich keinen Einblick habe.

Fazit: The Photograph ist ein romantischer, ansprechend bebilderter, unangestrengter Liebesfilm mit ausgesucht gutem Soundtrack.

8 Kommentare

  1. Ich ertappe mich auch dabei, in jedem Urlaub eine große Masse an Fotos gemacht zu haben. Oftmals sind es mehrere Hundert in zehn bis 14 Tagen.
    Und ich erinnere mich gerne an die Zeit , als maximal 36 Fotos mit einem Film geschossen werden konnten. Für den Urlaub durften es dann auch schon einmal zwei Filme sein, so dass die gesamte Urlaubserinnerung aus wesentlich weniger, möglicherweise gelungenen Fotos geschöpft wie werden konnte.

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  2. Vor Jahren war ich mit einer Pressefotografin zusammen. Bei einem einwöchigen Aufenthalt in Hamburg hat sie genau drei Fotos gemacht, analog versteht sich. Sie musste sich also darauf verlassen, dass diese drei Fotos genau das zeigten, was sie fotografieren wollte. Dieses kontrollierte und bewusste Fotografieren ist von der allumfassenden Knipserei verdrängt worden. Ich ertape mich oft dabei, dass ich drei oder fünf Aufnahmen mache, um sicherzugehen. Es scheint ja nichts zu kosten gemessen am Negativfilm. Bei jungen Menschen nimmt die Selbstinszenierung zum Zwecke des Fotografierens zu. Ein Ereignis hat nur stattgefunden, wenn es auch fotografiert wurde. Manchmal findet es nur statt, damit es fotografiert werden kann. So wirken Bilddokumente auf das Leben zurück und verändern es, wo sie eigentlich nur dokumentieren sollten. Was das philosophisch bedeutet, weiß ich grad nicht. Deine These „dass heute noch viel mehr als früher genau die Momente im Leben entscheidend sind, von denen bewusst keine Fotos gemacht wurden“, wirft ja ähnliche Fragen auf: Was ist das Entscheidende im Leben und wie wirkt die Bilddokumentation sich darauf aus?.

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      1. Ich habe in deiner Sache investigativ ermittelt und meine Schülerinnen befragt. Erklärung : 1. Durch das direkte Einsprechen in das Mikro habe man das Gefühl, leiser sprechen zu können und gleichzeitig durch weniger Nebengeräusche besser verstanden zu werden. 2. Das Ohr in der Nähe /auf dem Display wird als unhygienisch empfunden. 3. Irgendwas mit automatischer Helligkeitsregelung. Habe das nicht genau verstanden, wollte aber nicht nachfragen… 😎

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