Tüte der Woche Nr. 52

Was eigentlich leicht von der Hand gehen sollte, erweist sich als schwierig. Coesfeld ist ja nun auch nicht sooo groß, wie ich aus meiner Zeit am damaligen Mädchengymnasium weiß, und man könnte erwarten, dass mehr Menschen einem etwas über eine vormals traditionelle Buchhandlung sagen können. Ist aber nicht so, zumindest habe ich bisher niemanden erreichen können. Nun, dann müssen die bis jetzt gesicherten Rechercheergebnisse genügen.

Die Fakten:

Breite: 33 cm.     Höhe: 44 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich. Verwendet werden nur weiß als Hintergrund und mittelblau für den Aufdruck. Das Design der Buchladentüte wird bestimmt durch viele dreistöckige Bücherstapel. In Großbuchstaben sprechen die Bücher den Kunden an: IHR BUCH PARTNER.

Rechts ist diagonal ein Kasten eingefügt, indem Anschrift und Telefonnummer angegeben werden : Letter Straße 8 4420 Coesfeld Tel. (0254) 13200.

Links wird mit „Buch und Kunst“ hervorgehoben, was es an der Stelle zu kaufen gibt.

Den künstlerischen Anspruch dezent unterstrichen mit zwei Kreisen, wobei der eine die Ü-Strichelchen und der andere das R-Häkchen ersetzt.

Eine tolle Kombination, Buch und Kunst. Doch das Internet belehrt mich zunächst, dass Gundula Czeke, die 2007 hoffnungsvoll das Geschäft übernahm, bereits 2010 Insolvenz anmelden musste. Bereits der langjährige Vorbesitzer, Norbert Großfeld, hatte starke Umsatzeinbußen zu verzeichnen, was in diversen Zeitungsartikeln einer großen neuen Thalia – Filiale angelastet wird. In diesen Artikeln ist auch zu lesen, das Geschäft habe nahezu 60 Jahre bestanden. Doch weder über die Gründer noch über die Gründung findet sich weiteres Material im Netz. Ich rufe beim Stadtmarketing an und habe Frau Grütters an der Leitung, der der Name Buchhandlung Wüllner sofort etwas sagt. Leider weiß sie zur Historie auch nicht mehr, auch nichts zum damaligen Gründer. Aber da sei doch dieser Onkel Everz gewesen, irgendwie mit der Buchhandlung verwandt. Heinrich Everz (1882-1967), finde ich heraus, war ein Künstler des Holzschnitts. Besonders lag ihm seine westfälische Heimat am Herzen.

Blick vom Coesfelder Berg, so heißt das Werk.

Sehr viele seiner Arbeiten sind in den 80er Jahren von der Verlagsbuchhandlung Stefan Wüllner herausgegeben worden, als Sammelband, Kalender oder einfache Drucke. Ein Modell, das einmal aus der Mode gekommen, wohl nicht mehr zu retten war.

Sollten mich weitere Details erreichen, werde ich die Informationen an dieser Stelle ergänzen.

Geschichten, die das Leben schreibt 🙂

Am späten Freitagabend erreicht mich, nach einem Telefonat mit Thomas Wüllner, diese Email von Stefan Wüllner, Sohn des Gründers und später Besitzer der Verlagsbuchhandlung:

Hallo Frau Heming,

— das ist ja echt eine Überraschung, dass Sie noch eine alte Einkaufstüte von der Buchhandlung Wüllner haben. Und ich kann mich gut erinnern, dass ich diese wohl Ende der 80er verteilt habe…
Damals hatte ich auch 1000 echte Jute-Tüten aus Indien importiert mit einem ähnlichen Aufdruck. Ich wollte damals ein Zeichen setzen gegen die Plastikflut.. doch wurden diese Tüten damals sehr wenig angenommen… vielleicht war ich der Zeit zu sehr voraus..

Die Buchhandlung mit Kunstgewerbe und Schreibwaren wurde von meinem Vater 1948 erst in der Süringstrasse beim ehemaligen Verspohl gegründet und zog dann 1953 in die Letter Straße 8… schon mein Vater, der ebenfalls Buchbindermeister war und eine Rahmenwerkstatt im Hinterhof unterhielt, baute das Geschäft immer weiter aus… die ersten Lichtpausen gab es dort, Schallplatten Künstlerbedarf und Devotionalien…
Ich übernahm das Geschäft 1975 und baute die Buchhandelssparte immer weiter aus… die Kunsthandlung mit Galerie im ersten Stock verkaufte ich 1984 an Rolf Zoglauer, der schon über 20 Jahre (glaube ich) in der Buchbinderei beschäftigt war und inzwischen dort seinen Meister gemacht hatte.

Zwischenzeitlich hatten wir über 20 Mitarbeiter in meinem Geschäft mit einem Jahresumsatz von 2,5 Mill. DM..
Immer mehr machte es mir viel Freude, bekannte Autoren einzuladen… mit denen ich in der Buchhandlung Lesungen veranstaltete…
Der größte Reinfall war damals Max von der Grün, zu dessen Lesung ich mit mindestens 50 Besuchern gerechnet hatten, dann aber nur 3 erschienen…. der Autor nahm das mit Humor und (schob es auf die) wohl speziellen Coesfelder Vorlieben (es lief gleichzeitig ein Fußballspiel) und ging mit ins in die nächste Kneipe um dort eine sehr persönliche Lesung zu machen …
1998 verkaufte ich die Buchhandlung an Norbert Großfeld… da ich nochmal etwas ganz anderes im Seminarbereich mit Tantrakursen beginnen wollte… nachdem Großfeld den Mietvertrag nach 10 Jahren nicht verlängern wollte, übernahm Frau Gundula Czepe das Geschäft, doch musste sie schon nach wenigen Jahren aufgeben…
Heute lebe ich schon seit 20 Jahren in einem kleinen Dörfchen bei Witzenhausen … bei Göttingen.. habe ein grosses Strohhaus mit 6 Wohnungen gebaut und wohne dort in einer Mehrgenerationen Gemeinschaft.. mitten im Kaufunger Wald… in einem Oberdorf, dass immer mehr von Gleichgesinnten aus ganz Deutschland bevölkert wird…

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