Tüte der Woche Nr. 54

Vor einigen Wochen… Meine Mutter ist zum Frühstück zu Besuch und sieht auf einem der Wohnzimmerstühle den Tütenstapel liegen. Zufrieden stellt sie bei der Durchsicht fest, dass noch reichlich Material vorhanden ist. An einer Tüte bleibt sie hängen. „Ach, das erinnert mich, wie wir als Kinder Opa Eveld in seiner Werkstatt besucht haben. Da sah es auch so aus mit dem Werkzeug und dem Tisch. Wir durften ihm manchmal helfen, aber meistens haben wir nur jede Menge kleine Nägel in den Tisch eingekloppt. Wenn wir daran keine Lust mehr hatten, sind wir manchmal auf den Dachboden gegangen, da waren Käuzchen. Aber wie diese ganzen Werkzeuge hier heißen, das weiß ich auch nicht mehr. “ Ja, um welches ehrwürdige Handwerk geht es wohl? Zunächst die Fakten:

Breite: 21 cm. Höhe: 49 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich. Die oben und unten weiße Tüte ist mit einem beigen Hintergrund bedruckt, die Zeichnung ist braun.

Sieht irgendwie mittelalterlich aus und ist es auch beinahe.

Meine Mutter und ich sind uns einig, dass man über die Details mehr wissen könnte. Sie nimmt freiwillig den Forschungsauftrag an, bei Nachbar und Schuhmachermeister Franz-Josef Hanisch zwecks eines Interviews vorstellig zu werden und nimmt die Tüte dazu mit.

Ich kümmere mich derweil um die Abbildung insgesamt, deren Herkunft doch zu bestimmen sein muss. Und natürlich ist sie das. Es handelt sich um eine Arbeit von Jost Amman (1539-1591), der unter anderem mit dem Schuhmacher! und Meistersänger Hans Sachs eine Übersicht über alle Stände und Berufe der damaligen Zeit herausgegeben hatte.

Hereyn/wer Stiffl vnd Schuh bedarff/ Die kann ich machen gut vnd scharff/Büchsn/Armbrosthalter und Wahtseck/FeuerEymer vnd Reyßtruhen Deck /Gewachtelt Reitstieffel /Kürißschuch/Pantoffel /gefütert mit Thuch /Wasserstiffl und Schuch außgeschnittn /Frauwenschuch nach Höflichen sittn.

Du meine Güte, so was Berühmtes hätte ich ja gleich erkennen müssen… Zumal die Abbildungen, da nicht geschützt, von Hinz und Kunz verwendet werden. Auch meine Mutter sieht die Darstellung nicht nur in der besuchten Werkstatt, sondern am Wochenende darauf im Stadtmuseum. Die Abbildung auf der Tüte ist eine ziemlich exakte Kopie des Originals, bis auf die Reihe der geflickten Schuhe sowie ein nicht weiter identifizierbares Blatt, das ans Tischbein geheftet wurde.

Ein Kalender? Kärtchen für die einzelnen Kunden?
Auch im Original (s. oben mit Spruch) hängen 7 Paar Schuhe, die aber anders aussehen.

Nun aber zu den Interviewergebnissen. Das sei eine Tüte für ein Paar reparierte Schuhe, sagt Herr Hanisch, der den Begriff „Schuster“ als abwertend streng von sich weist und mit Stolz auf dem Titel Orthopädie-Schuhmachermeister besteht.

In der Werkstatt von Franz Josef Hanisch.

Weder würde er etwas „zusammenschustern“, noch die zu Recht verpönte „Flickschusterei“ betreiben. Zu den Werkzeugen hat er eine Menge zu erzählen.

Die zufriedene Kundin bringt ein Paar zur Reparatur und holt ein anderes ab, damals Transport per Flechtkorb statt Tüte – aktuell mit Korb wieder schick und angesagt.
Die verschiedenen Lederschneidemesser sind meist sichel- oder keilförmig.

Besonders interessant finden wir die Informationen über den Faden, mit dem da genäht wird. Der sei aus Hanf gedreht, weiß Herr Hanisch, in Pech getaucht und an den Enden seien zur Stabilisierung Schweineborsten eingedreht.

Der Spannriemen hält den zu bearbeitenden Schuh fest auf dem Knie.
Was für das Kreuzworträtsel : Mit Pinnort und Pfriem werden die Löcher in das Leder gestanzt. Die Schürzen bestehen aus Köper (sehr fest gewebtem Material).

Der Schuster soll ja bei seinen Leisten bleiben, aber ein Hinausschauen über den Tellerrand tut uns auch gut.

So wird nämlich ein Schuh draus! Herzlichen Dank daher an meine Mutter und Herrn Hanisch für die wertvolle Mitarbeit bei der Tütenforschung. 😊

Die Leisten beim Herrn Hanisch.

16 Kommentare

  1. Wenn das leckere Frühstück dazu beigetragen hat,daß die Tüte 54 so ausführlich beschrieben werden konnte, hat sich mein Einsatz jedenfalls gelohnt.Hat Spaß gemacht.! Deine Mutter

    Gefällt 3 Personen

  2. Von dem Schuhmacherwerkzeug Pfriem leitet sich übrigens das Verb pfriemeln* (österr. “pfreameln“) ab = kniffelige, frickelige Fingerarbeit. (Nasenbohren etwa heißt auf österr. “nasenpfreameln“.)
    (Dass “herumschustern, zusammenschustern“ als Synonym für “pfuschhafte, stümperhafte Arbeit machen“ gebräuchlich ist, gereicht dem achtbaren Schusterhandwerk indessen nicht zur Ehre.)

    Gefällt 3 Personen

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