Zuversichtliches

Freitagnachmittag. Ich bin etwas aufgeregt, als ich einen Parkplatz suche, denn mich erwartet ein Blind Date, und zwar das erste in meinem Leben. An der Münsterschen Promenade sollen wir uns begegnen. Eigentlich weiß ich genau, wo ich hin muss, aber dann stehe ich vor dem Buddenturm. Nein, der war nicht gemeint.

Der Buddenturm ist der älteste noch erhaltene Teil der Stadtbefestigung, um 1150 als Wehrturm errichtet.

Zwar bin ich überpünktlich von zu Hause weggefahren, aber jetzt ist es schon kurz vor vier und ich muss mich beeilen, denn ich will auf keinen Fall zu spät kommen.

Was tue ich überhaupt hier, statt mich im heimischen Haus und Hof um die standesgemäße Adventsdeko zu kümmern? Am 7. November hatte ein Artikel in der Zeitung gestanden. Carola von Seckendorff vom Stadtensemble Münster, einer Künstlervereinigung, hat den Systemrelevanziergang ins Leben gerufen. Gegen eine Spende in selbstbestimmter Höhe an das Ensemble trifft man einen Künstler und diskutiert mit ihm auf einem coronakonformen Spaziergang Fragen nach der Kunst und ihrer Systemrelevanz.

Mein Handy sagt, es ist eine Minute vor vier.

Ach, zum Glück, da ist der Zwinger.

Ein Teil der Stadtbefestigung, in der Zeit des Nationalsozialismus Gefängnis und Hinrichtungsstätte der Gestapo. Seit 87 auch ein Kunstprojekt.

Hier wartet mein Blind Date. Sie heißt Elisabeth, wie sich herausstellt, und spielt Cello. Oje, eine Musikerin. Davon habe ich so gar keine Ahnung. Schnell stellt sich heraus, dass wir doch viel gemeinsam haben, denn Elisabeth ist nicht nur im Orchester tätig, sondern auch Lehrerin – für dieses Instrument. Wir sprechen über die Unterschiede vom Lernen auf Distanz und Lernen im Kontakt – und sind uns einig, dass die Schulen aufbleiben müssen.

Wie junge Menschen, unsere Schüler, unsere Kinder mit Corona, dem Abstandhalten und den Kontaktverboten fertig werden, beschäftigt uns als nächstes und immer wieder zwischendurch. Wir sind uns einig, dass die meisten höchst verantwortungsvoll sind und viele auch gute und kreative Ideen haben, mit der Situation umzugehen.

Ob ich mir im Radio Konzerte oder eine Lesung anhöre? Eher nicht, gestehe ich. Elisabeth auch nicht. Genau wie der Fernseher nicht das Kino ersetzen kann. Zum Kulturerlebnis, das Kopf und Herz öffnen soll, gehört nämlich mehr als nur der Film oder die Aufführung. Es ist das ganze Paket: sich zu Hause fertigmachen, losfahren, andere Menschen sehen, hereinkommen, die Atmosphäre wahrnehmen und vieles mehr.

Ein schnelles Foto im Vorbeigehen – Spaziergehen im Namen der Kunst – das hätte Annette von Droste-Hülshoff gefallen.

Wir sprechen über Privates, die traurige Lage der Gastronomie, die nicht zu erklärende Leere in den Museen, die großen Auswirkungen der Krise auf berufliche Entscheidungen.

Beide stellen wir fest, dass wir an der Promenade schon länger nicht spazieren waren.

Und dann ist die Stunde vorbei und mein Blind Date zu Ende. Es gibt sie, die kreativen, interessanten, sympathischen, vernünftigen Menschen. Man muss sich nur mal mit ihnen verabreden 😊

18 Kommentare

  1. Was für eine fantastische Idee!!
    Wie spannend sich auf fremde Menschen einzulassen und dabei noch die Kunstschaffenden zu unterstützen!
    Respekt!
    P.S. : Ich wäre auch mega aufgeregt gewesen 🙃

    Gefällt 5 Personen

      1. Ja, da hast du recht. Das fiel mir auch auf. Es war sogar mein erster Gedanke. Mein zweiter war dann der oben genannte: dass solche Professionalität eben nicht nur eine Stärke ist, sondern auch auf eine Schwäche hinweist:das spontan nichts (mehr) geht.

        Gefällt 2 Personen

      2. Man muss allerdings bedenken, dass ich spontan mit diesem Menschen auch wohl niemals in so einen engen Kontakt gekommen wäre. Spontan ist ja immerhin, dass Menschen sich entschließen können, diese Möglichkeit wahrzunehmen. Es hilft niemandem, und schon gar nicht den Künstlern, nur auf die defizitäre Seite zu schauen.

        Gefällt 2 Personen

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