Tüte der Woche Nr. 62

Ein sicheres Indiz für das Nahen des Weihnachtsfestes ist die extrem hohe Rotation von Werbeclips für teure Kosmetik auf allen Kanälen. Da kann ich mithalten! Doch zuerst die Fakten.

Breite: 29 cm. Höhe: 40 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich. Die Tüte ist sehr schlicht, die Grundfarbe ist ein gedeckter Sand-/Senfton. Ein dreifarbiger Streifen in hellem Sand, Weiß und Khaki umschließt in einem Kasten ein sehr schlankes J.

Edel, schlank und jugendlich – wie die Wünsche der Zielgruppe.

Über dem Dach des „J“ findet sich noch in Weiß der Markenname: JUVENA of Switzerland.

Mehr Hinweise braucht es nicht – Understatement ist angesagt.

JUVENA, finde ich heraus, wurde 1954 gegründet und kam in den 70er Jahren zu British American Cosmetics, um dann über einen kleinen Umweg in den 90ern Teil von Beiersdorf zu werden. 2010 trennte man sich zu einem unbekannten Preis von der Marke, gekauft wurde sie von Troll Cosmetics Österreich.

In einem Artikel steht was von Sophia Loren als jahrelanger Werbeikone. Und siehe, das Internet hat hier ein sehr schönes Beispiel parat.

Eine wahre Ikone der Schönheit!

Lustig finde ich auch einen Artikel in der Neuen Züricher Zeitung aus der Beiersdorf-Ära, in der sich darüber mokiert wird, dass man mit der „Swissness“ immer noch stark Werbung mache, wo das ganze Cremezeugs doch auf der deutschen Bodenseeseite hergestellt werde.

Das mit dem Schweizer Qualitätsvermutungseffekt hat auch die Österreicher Firma Troll beibehalten, immerhin haben sie sich als Markenbotschafterin eine Landsmännin klargemacht.

Barbara Schett, bisher erfolgreichste Tennisspielerin Österreichs. Kann auch Kosmetik.

Am spannendsten war aber die Biographie vom ursprünglichen Firmengründer Edmund Georg Locher, genannt Edy, die dringend verfilmt gehört. 1910 geboren wird er Eisenwarenhändler wie die Eltern, darf auf eine Londoner Schule, muss seinen weiteren Aufenthalt selbst finanzieren und verkauft AEG-Schreibmaschinen. In der Wirtschaftskrise wird er notgedrungen Schiffsjunge, wird dann an Bord Dolmetscher und verkauft seine letzte Maschine dem Kapitän. Später wird er in Belgien Direktor einer Fabrik von Haarpflegemitteln und experimentiert dann sehr erfolgreich mit Büstencreme. Der zweite Weltkrieg macht diesem Geschäft ein Ende, aber Locher druckt einen deutschsprachigen Reiseführer für Paris, der in der Wehrmacht zum Verkaufsschlager wird. Nachdem die Deutschen abziehen müssen, macht er das nächste Geschäft, in dem er für die Amerikaner seinen Stadtführer ins Englische übersetzt. Es wird noch abstruser, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Fest steht jedenfalls, dass Edy Locher ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann ist, als er 1954 JUVENA gründet. Sein Leben bleibt auch danach spektakulär, er kauft ein Schloss in Frankreich und lebt dort mit Hofstaat. Selbstredend war der Mann mehrfach verheiratet und hat eine große Kinderschar hinterlassen.

Hübsches Domizil, Understatement nur für die Marke, nicht das eigene Leben.

Die Tüte fühlt sich besonders an, etwas samtig. Sind da in der Tütenfalz vielleicht Hinweise auf den Hersteller? Aber ja. Erst der Spruch für die Umwelt: Unser Beitrag zum Umweltschutz. Diese Tragetasche wurde aus Polyäthylen chlor- und schwefelfrei hergestellt. Ihre Verbrennung ist problemlos und ohne Gefahr.

Für alle Frankophilen ebendies Sprüchlein auf Französisch: Notre contribution a l’environnement. Ce cabas est fabrique en polyethylene exempt de souffre et de chlore. Sa destruction par le feu n’est pas nocive et ne pose aucun probleme.

Und welche Firma macht das so? Die O. Kleiner AG in 5810 Wohlen. In der Stadt Wohlen, deren Bewohner aber auf Dorf bestehen, ist die Kleiner AG immer noch ein wichtiger, innovativer Arbeitgeber in Familienbesitz. Gegründet wurde die Firma übrigens… 1954, wie JUVENA. Ob die beiden Herren sich privat kannten, habe ich nicht herausgefunden. Aber das wäre auch eine spannende Geschichte.

9 Kommentare

  1. Boah…wie interessant!
    Und wie gut recherchiert.
    Wiederum bin ich begeistert.
    Interessant auch das Nebeneinanderstellen der beiden Damen, die offensichtlich beide sehr gut in Kosmetik können.
    Wobei, so fällt mir auf, die Dunkelhaarige zwar genau so sinnend zur Seite gucken, aber den Mund weiter öffnen kann als die Blonde.

    Gefällt 1 Person

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