Tüte der Woche Nr. 64

Sehr viel gemütlicher Müßiggang war das über die Weihnachtstage. Der Tütenstapel schreit nach Beachtung, die Tüte 64 wird die Fünfzigste im Jahr 2020 sein. In zwei Tagen gibt es eine Liste von 10 von mir feierlich nominierten Tüten, aus denen die werte Blogleserschaft dann die Tüte des Jahres wählen darf. Dazu dann mehr bei Gelegenheit. Zuerst die Fakten.

Breite: 34,5 cm. Höhe: 48 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich, die Tüte ist weiß mit hellrotem Aufdruck.

Keine Namen, Adressen, kein Logo. Dafür ein fesches Paar, das bei der Ausgehkleidung nichts dem Zufall überlassen hat.

Tja, wenig Hinweise. Zu sehen ist ein vornehm gekleidetes Paar, mit Hut und Stock bzw. Rüschenschirm. Der Herr hat als modisches Accessoire eine Stielbrille (Lorgnon) dabei, die Dame ein Spitzentaschentuch, welches bestimmt nach Veilchen oder Lavendel duftet. Das Paar geht spazieren, links eine alte Straßenlaterne, rechts eine Hausfassade. Eine kleine Treppe könnte in ein Mode- oder Schuhgeschäft führen, wie das Aushängeschild verrät.

Der elegante Schnürstiefel macht bei Damen und Herren einen schlanken Fuß.
Großstädtisches Flair, Lampe vermutlich mit Gasbetrieb.
Paris, Wien, Berlin?

Bei Google gebe ich verschiedene Suchbegriffe ein, die mich schließlich zu Zinnfiguren von Martin Sauter führen. Die Paare sind zwar etwas anders, trotzdem hat man das Gefühl, als könnten sie sich beim Spaziergang begegnen.

Und diese hübschen Paare gibt es dann in allen Varianten, gezeichnet, auf Metall, in Bronze oder Porzellan.

Herrn Sauter, der sich als pensionierter Polizeibeamter der Herstellung von Zinnfiguren verschrieben hat, verdanke ich den Hinweis auf das Biedermeier. Diese Epoche, schlage ich schnell nach, steht wie keine andere für den Rückzug ins Private und Familiäre. Na, das passt ja, finde ich. Außerdem stoße ich auf eine Artikel aus der FAZ von 2001, in dem das Neo-Biedermeier ausgerufen wird. Das war wohl etwas verfrüht, für 2020 sind Parallelen nicht von der Hand zu weisen.

aus der FAZ vom 6. November 2001

Kehrt jetzt das Biedermeier zurück? Den Eindruck erweckt eine Untersuchung von Hamburger Freizeitforschern. 51 Prozent der Deutschen sagen, dass für sie die Familie im Mittelpunkt steht. 1999 waren es 44 Prozent. „Biedere“ Tätigkeiten wie Gartenarbeit (39) und Heimwerken (21) sind im Kommen. „Die Menschen wollen mit der Welt ins Reine kommen und sind auf der Suche nach dem inneren Frieden“, glaubt der Leiter des Instituts, Horst W. Opaschowski. „Das kann ein Rückzug in die Familie und auch eine Neubesinnung auf das Beständige sein, was dem Leben einen Sinn gibt.“

Der Kreis schließt sich, als ich nachlese, dass das heutzutage typische Weihnachtsfest mit Baum, Geschenken und Familie erst im Biedermeier erfunden wurde. Im Stadtmuseum Berlin kann man, jetzt virtuell, eine kleine Ausstellung besuchen.

https://www.stadtmuseum.de/weihnachten-im-biedermeier

Eine Voraussage kann ich aufgrund persönlicher Erfahrung der letzten Tage wagen: ein Comeback der damaligen Mode wird es nicht geben. Schlabberpulli, Kuschelsocken und Leggings werden sich weiterhin behaupten.

7 Kommentare

  1. Aber was war mal IN der Tüte? Biedermeier-Knopfstiefel? Rote Stifte? Brötchen (Brötchen passen IMMER, und die Tüte ist oben so zusammengekrumpelt, wie ich das gerne mit Brötchentüten mache). Oder vielleicht ein Handlauf für Treppen? Hmmm…

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