Tüte der Woche Nr. 66

Tristes Wetter, trübe Tüte. Zum vorliegenden Exemplar finde ich auf Anhieb erstmal nix – vor allem nicht in meinem Kopf. Um Neujahr herum habe ich aber massenhaft Zeit, verschiedene Menschen und Organisationen wegen meiner Tütenforschung anzuschreiben. Der eine oder andere Hinweis hilft mir, tiefer im Netz zu graben – dabei stoße ich auf Hintergründe, die zur braunen Tüte deutlich besser passen als erwartet. Doch zuerst die Fakten.

Breite: 31 cm. Höhe: 43,5 cm.

Die Tüte ist, sagen wir es mal positiv, schokoladenbraun mit einem kleinen goldenen Aufdruck. Drei schmale Linien schlingen sich zu einem Knotenlogo und entwirren sich wieder. Darunter steht in geschwungenen Buchstaben Kreis Moderner Textilhäuser.

Sieht wirklich extrem unmodern aus.

Beim zweiten Anlauf werde ich fündig, eine Mitgliederzeitung der Feuerwehr Padingbüttel aus den 70er Jahren enthält folgende Anzeige.

Zwar meldet sich später freundlich eine Dame von der Gemeinde, die immerhin zu berichten weiß, dass das Geschäft bis in die 90er existiert und der Sohn ein Modegeschäft in Bad Bederkesa geführt habe. Aber wirklich weiter bin ich damit nicht.

Ich kann ja lesen, denke bei „Zentraleinkauf“ ganz schlau und schreibe an die mit Textilien befassten Großorganisationen. Der Gesamtverband Textil aus Berlin antwortet zuerst, man vertrete die Produzenten und Veredler, da könne man nicht weiterhelfen. Es antwortet auch Herr Teuteberg aus Münster, der die norddeutsche Abteilung vertritt. Er hat, obwohl nicht zuständig, recherchiert und ist neben der Anzeige in der Feuerwehrzeitung bei Facebook auf ein Foto des Modehauses Jost gestoßen, das auch mit der Zugehörigkeit zu dem erlauchten Kreis der Modernen wirbt. Ich schreibe die Geschäftsführung an und suche derweil weiter nach der Abkürzung, denn die ersten Buchstaben waren in der Anzeige so schön fett gedruckt.

Gute Idee. KMT ist quasi alles, von der Metallverarbeitung über die Knochenmarksspende bis hin zur Kranfirma alles dabei.

Verdammt. Ich gebe ein: KMT und Logo. Aah…

Genau das Logo, hier verknüpft mit dem Begriff Rheintextil. Jetzt geht es voran. Außerdem ist Geschäftsführer Steffen Jost so freundlich zu antworten. Die Tüte sei seinerzeit ausgegeben worden vom KMT/ Kölnische Mode- und Textilgroßhandlung.

Raffiniert, die gleiche Abkürzung zu verwenden und einmal den Verband und dann die angeschlossenen Häuser zu meinen.

Mit den neuen Suchbegriffen komme ich prima weiter. Der Einkaufsverband KMT Rheintextil, zu dem mal 215 Mitgliedsfirmen und 296 Geschäfte gehörten, stellte im Jahr 2004 den Geschäftsbetrieb ein. Kein Wunder, bei diesen Tüten.

Aber wer hat diesen Verband mal gegründet? Und wann? Das will ich unbedingt wissen.

Ich bekomme alte und uralte Aktien angeboten. Die Beschreibungen zu den Aktien enthalten viele Informationen zu den Anfängen der Textilindustrie, deren Produktion rund um die Ruhr stark vertreten war, während Verbände und große Modehäuser sich in Berlin zu positionieren wussten.

Und dann hatte ichs:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufhaus_Alsberg

Die Alsberg-Eteg-Konzern AG ging 1928 aus der 1922 in Elberfeld gegründeten, seit 1924 in Berlin ansässigen Elberfelder Textil-Handels-AG hervor, an ihr waren diverse lokale Alsberg-Geschäftsinhaber beteiligt, deren Namen sich zum Teil im Vorstand und im Aufsichtsrat wiederfinden. Die Interessengemeinschaft wies 1928 einen Jahresumsatz von 200 Millionen Reichsmark aus, 1930 stand sie mit 200 Millionen Reichsmark Jahresumsatz für 1929 im Einzelhandel an dritter Stelle in Deutschland.

Die Familie Alsberg wurde aufgrund ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit von den Nationalsozialisten im Zuge der „Arisierung“ enteignet. Das Gelsenkirchener Warenhaus (Gebr. Alsberg AG Gelsenkirchen) ging an die Rings AG über. Das Bochumer Warenhaus (Gebr. Alsberg AG Bochum) wurde 1935 in die umgewandelt, während das Haus in Osnabrück von den Kaufleuten Lengermann und Trieschmann weitergeführt wurde.

Die Gebr. Fried & Alsberg GmbH wurde in KMT Kölnische Mode und Textilgroßhandlung umgewandelt.

Daher die braune Farbe?! Tüte est omen, wie ich immer sage. Jetzt, wo der Textilknoten geplatzt ist, finde ich noch mehr. Roberta Kremer beschreibt in ihrem Buch „Zerrissene Fäden“ das Ende der jüdischen Textilindustrie in Deutschland, bleibt aber nicht ohne positiven Ausblick. Immer mehr junge israelische Modedesigner würden sich in Berlin niederlassen.

https://www.berlin.de/aktuell/ausgaben/2013/dezember/ereignisse/artikel.224189.php

Ich sollte mir vielleicht rechtzeitig eine Tüte organisieren.

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