Tüte der Woche Nr. 68

Letztens schrieb mir eine Kaffeefreundin, man plane im September eine Fahrradtour durchs Münsterland und suche nach einem geeigneten Hotel in meinem Ort. Ich war angenehm berührt, und zwar über die Tatsache, dass da Menschen Urlaubspläne machen. Zur Unterstützung dieser angenehmen Tätigkeit passt perfekt diese Tüte, eine Nachbarin der Tüte der Woche Nr. 25 aus dem März 2020. Was mich daran erinnert, meine werte Leserschaft daran zu erinnern, dass die letzte Chance Retrospektives – Wahl zur Tüte des Jahres 2020 in vier Tagen abläuft.

Doch nun schnell zu den Fakten.

Breite: 32,5 cm. Höhe: 42,5 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich. Es handelt sich um eine samtig-schokoladenbraune Tüte mit glänzenden apfelsinenfarbenen Highlights.

Braun-orange, eine der beliebtesten Farbkombinationen der 70er. Aber ganz so alt ist die Tüte wohl nicht 😊.

Im unteren Bereich fällt der Firmenname BUDDELEI mit seinen besonders gestalteten Buchstaben auf. Darunter in Großbuchstaben das Wort URLAUBSMODEN, womit klar ist, dass die Tüte nicht von einem Getränkemarkt stammt, obwohl die Buddel, bestimmt verwandt mit der englischen bottle, an die Flasche denken lässt.

Vom Nordseebad Bensersiel kommt man per Schiff zum Nordseebad Langeoog.

Noch ein Blick in die Tütenfalz, der Hersteller ist im Netz nicht auf Anhieb auszumachen.

Buddelei… als Studentin habe ich mal in einer Filiale gearbeitet und einen Teil meines Verdienstes gleich wieder in Klamotten umgesetzt. Was sagt denn das Netz dazu? Die Buddelei Mode GmbH und Co. KG wurde 1977 mit Sitz in Oldenburg gegründet und vertreibt inzwischen Kleidung unter dem Label Gina Laura. Seit 2012 gehört die Firma zur Popken Group.

Aha. Komisch, bei der Filiale auf Langeoog steht aber nix von Gina Laura. Was lese ich statt dessen über die Historie? Der gebürtige Berliner und als Soldat auf Langeoog stationierte Ewald Hube eröffnet nach Kriegsende auf der Insel ein Lebensmittelgeschäft. Sohn Jürgen baut zusammen mit seiner Frau Rotraud in den 70er Jahren die Buddelei auf. Und dessen Sohn Olaf führt mit seiner Frau Karin die Geschäfte seit 1996. Haben die beiden Buddeleien etwa gar nichts miteinander zu tun? Das muss ich ja genauer wissen.

Die Seite mit der Firmengeschichte und dem typischen Namenszug.

Ich rufe gleich mal an, auch um zu fragen, ob ich die Informationen der Webseite verwenden darf. Außerdem bin ich noch auf ein Interview in der Inselzeitung gestoßen, und da geht es sogar um Tüten!

Olaf Hube ist direkt in der Leitung. Als ich mein Sprüchlein aufsage und nach Erlaubnis frage, ist er geradezu begeistert. „Sehr gerne“ solle ich doch bitte auf die Webseite zugreifen. Zuerst sprechen wir über die merkwürdige Dopplung des ungewöhnlichen Namens. Die beiden Firmengründer hätten sich gekannt, berichtet Hube schmunzelnd, und damals gedacht, man liege mit Langeoog und Oldenburg so weit auseinander, dass man sich nicht ins Gehege kommen werde. An das Internet habe damals noch niemand gedacht. Später habe es mit dem neuen Eigentümer etwas geknirscht, aber für eine internationale Kette sei Buddelei zu nordisch gewesen. Außerdem hätten die Franzosen den Namen überhaupt nicht aussprechen können. Aus den Papieren sei auch eindeutig hervorgegangen, dass man auf Langeoog die älteren Rechte an dem Namen habe. Ob ich übrigens wisse, was er bedeutet. Ich hatte mich auf der Webseite schlau gemacht.

Die Buddelei war früher ein kleines Schränkchen in der „Guten Stube“ und beherbergte das Sonn- und Feiertagsgeschirr.

Eigentlich hatte ich an Flaschen gedacht, sage ich. Na ja, räumt Olaf Hube ein. Es sei wohl nicht ganz auszuschließen, dass das Schränkchen neben dem Teegeschirr auch die ein oder andere Flasche mit Getränken zur geistigen Erbauung beherbergt habe.

Wir wechseln das Thema und kommen auf die Tüten. An das Design kann sich Hube noch gut erinnern, eine andere Variante sei die umgekehrte Farbstellung gewesen. Doch von den Plastiktüten wolle man natürlich weg und Papiertüten seien ökologisch gesehen Unsinn. Und die ganzen Stoffbeutel… In der Buddelei gibt es ganz aktuell ein neues Konzept, die Leihtasche. Man könne sie gegen einen Obolus bekommen und erhalte bei Rückgabe der Tasche das Geld zurück. Auf Langeoog, der Insel mit den kleinen Wegen, sei das praktikabel und absolut nachhaltig. Allerdings, die noch vorhandenen Plastiktüten werden bis zum Schluss noch verwendet, sie einfach wegzuwerfen, hilft der Umwelt auch nicht.

Wäre ja schön, wenn vielleicht im Frühjahr ein Inselbesuch möglich ist, werfe ich ein. Unbedingt, sagt Hube, schließlich sei im Mai der 50. Geburtstag der Buddelei. Darauf würde ich ja gerne vor Ort ganz erbaulich mit einem geistigen Getränk anstoßen!

Nachtrag: Im Email-Austausch mit dem Chef nach dem Tütenbericht stellt sich heraus, dass die Tüte wohl doch ein Kind der 70er ist. Die Buddelei hat nämlich ihr ganz eigenes Tütenmuseum – und dieses Expemplar stammt laut Hube noch aus den Anfängen. Wie gut, dass meine Schwester bei ihrem Langeoog-Aufenthalt in den 80ern daran gedacht hatte, ihrer großen Schwester diese Tüte mitzubringen 🙂

8 Kommentare

  1. Moin! 🙂 Das ist aber schön…
    Dieses Geschäft auf „meiner“ Insel ist mir sehr vertraut.
    Seit 28 Jahren bin ich meist zwei, manchmal auch drei Mal auf Langeoog, bevorzugt in Zeiten, wenn die Insel leer ist. Und in der Buddelei habe ich auch schon eingekauft. 😉
    Wat mutt – dat mutt.
    Dankeschön für die Geschichte der Buddelei…
    :-))

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  2. Diese nichts mit Flaschen zu tun habende Buddel-Geschichte erinnert mich akut daran, dass in Berlin gerade die Getränkelieferanten „Durstexpress“ und „Flaschenpost“ fusioniert wurden. Das heißt, ob es eine richtige Fusion ist, weiß ich gar nicht, denn beide Start-Ups laufen unter Dr. Oetker, und in Tüten liefern sie ganz bestimmt nicht. Schade!

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      1. Und dann noch unter Schulkochbuch. Aber was alles hinter den Konzernen steckt, erfährt man heute nur häppchenweise und eher zufällig. Im Ernst, ich wäre gerne besser informiert, um bewusster Kaufentscheidungen zu treffen.

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