Tüte der Woche Nr. 75

„Ich hab hier wieder so eine Tüte liegen“, sage ich zu meiner Mutter am Telefon. „Weißt du noch was über den Laden?“ Im Laufe des Gesprächs graben wir einiges aus. „Meine Güte, an die habe ich schon lange nicht mehr gedacht“, sagt meine Mutter am Schluss. Das ist auch genau der Sinn der Aktion, die ich am Ende des Beitrags vorstellen will. Doch zuerst die Fakten.

Breite: 25,5 cm. Höhe: 34 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich, das dünne Tütchen ist schokoladenbraun mit beigem Aufdruck.

Ganz schlicht wird für textil*mode schmidt in flotter Kleinschreibung geworben, wobei der I-Punkt elegant das Mode-e umkreist. Ein dünner Strich trennt Namen und Anschrift. Diese ist darunter vollständig angegeben:

4423 GESCHER Hauskampstr. 25 Ruf 02542/266

Dreistellige Durchwahl – Dorfleben.

Ach, schon sehr lange gebe es das Geschäft nicht mehr, weiß meine Mutter. Die genaue historische Einordnung fehlt uns. Allerdings muss spätestens Mitte der 90er Schluss gewesen sein, als eine Filiale von ABC-Schuhe das neugebaute Ladenlokal bezieht.

Lange habe Schmidt auch schon in dem alten Gebäude seine Waren an den Mann und die Frau gebracht. Aber seit wann? Dazu fehlen Hinweise. Aber ein gut sortiertes Geschäft mit Damen- und Herrenmode, auch Unterwäsche, sei das gewesen. Im mittleren Preissegment, ergänzt meine Mutter, die ja auch selbst als Geschäftsfrau Wäsche verkauft hat. Eine sehr nette und kompetente Verkäuferin namens Maria hätten sie immer gehabt. Eine gute Seele, sagt meine Mutter. Die hat auch nie geheiratet. Ob das zusammenhängt, thematisieren wir nicht weiter. Der Ladeninhaber nebst Gattin bleibt nach dem Rückzug in den Ruhestand jedenfalls nicht in der Glockenstadt. Meine Mutter weiß, dass sie in den Schwarzwald gezogen und vor Ort kaum noch aufgetaucht seien. Die ein oder andere private Anekdote kommt noch auf den Tisch, von denen hier aber nur erzählt wird, dass ein anderes örtliches Textilgeschäft „Plonnen“ – Kösters genannt wurde, in Abgrenzung vom Lebensmittelhändler gleichen Namens. Wir verabschieden uns.

Ich suche nach Fotos der Hauskampstraße und werde beim Nachbewohner auch gleich fündig.

Das Internet hält zu ehemaligen Bewohnern der Hauskampstraße aber noch ganz andere Informationen bereit. Schräg gegenüber, vor der Nummer 20, hat man im Jahre 2017 Stolpersteine verlegt. Hier lebte die Familie Falkenstein, die zusammen mit den anderen insgesamt 20 jüdischen Einwohnern von Gescher eines Morgens abgeholt und dann ermordet wurden. Auch die Wohnorte der anderen Familien wurden mit Stolpersteinen ausgestattet.

Ein fluffiger Übergang zum Textilgeschäft fällt mir jetzt nicht mehr ein.

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