Tönendes und Getöntes

Am Mittwoch hatte ich in der Zeitung gelesen, für Samstag seien, selbstverständlich auf digitalem Wege, noch Termine zu buchen. Solcherart mit der Besuchsberechtigung Nr. 245 (1 Pers.) ausgestattet fahre ich los. Fünf Minuten früher soll man am Haupteingang sein, mein Mann warnt, er habe morgens beim Marktbesuch eine sehr lange Schlange gesehen.

Es ist viel mehr Verkehr, als ich erwartet hatte, eine kleine Baustelle frisst den eingeplanten Zeitpuffer. Mit Mühe quetsche ich mich in eine kleine Parklücke und haste die Aa entlang, deren Wasser sehr kalt aussieht. Dann stehe ich, schon wieder, wie beim letzten Spaziergang , vor der Überwasserkirche (Benennung nach Lage), die auch Liebfrauenkirche (Benennung nach Orden) heißt. Nur zwei Leute vor mir und dann bin ich drin.

Ein Kunstwerk zum Jahrestag des Lockdowns ist wenig zur Heiterkeit geeignet. Ich höre ein Requiem, das letzte von Mozart, in d-Moll. Zitat aus dem Text, den ich im Programmheft lese: Tränenreich ist der Tag, wenn aus dem Staub aufersteht alle Menschheit zum Gericht.

Ein Konzertbesuch, der Klang ist überwältigend! 104 Musiker und Musikerinnen aus 14 Nationen wirken mit. Ein Orchester, wie es klangvoller nicht sein könnte. Die Besucher sind, wie ich, ergriffen und begeistert.

Möglich gemacht hat das Erlebnis Marion Wood, die sich im Oktober 2020 die Frage stellte, ob es machbar wäre, durch eine Lautsprecher – Installation ein Konzerterlebnis zu ermöglichen. Sie entwickelte dazu ein experimentelles Lehrprojekt. 140 Anmeldungen gingen zur Beteiligung ein, per Zoom wurde das Konzept erläutert, im heimischen Wohn- oder Badezimmer wurde geprobt. In der zweiten Phase wurden die privat aufgenommen einzelnen Tonspuren kontrolliert und beim Tempo nachbearbeitet.

Für das Konzert sorgen nun 64 Lautsprecher auf Pappkartons, die als Resonanzkörper dienen. In der hinteren Mitte der Kirche, auf einer Bank sitzend, lausche ich die ersten zehn Minuten andächtig dem Gesamtkunstwerk. Dann begebe ich mich auf einen Gang durch den Kirchenraum und kann dabei den Streichern, der Oboe oder der Sopranistin sehr nahe kommen. Immer wieder ist es möglich, die einzelnen Beiträge zu identifizieren und gleichzeitig das große Ganze zu hören.

Als ich den Kirchenraum verlasse, freue ich mich zu lesen, dass noch Zusatztermine für Montag und Dienstag angeboten werden. An der Aa entlang blüht etwas. Eine grüne Ampelwelle trägt mich aus der Stadt. Und beim Friseur war ich auch.

18 Kommentare

  1. Unter Normalen (nicht von Corona beeinflussten) Umständen fände ich so eine Mischung aus Klanginstallation und Konzert sehr interessant. So wie die Dinge liegen, ist es eher geeignet, mich zu deprimieren. Heute früh hörte ich im Radio einen Bericht über das erste Konzert, das die Berliner Philharmoniker gestern nach einem Jahr gaben. 1000 Konzertbesucher waren zugelassen. Alle 1000 negativ getestet – was ja nur erwähnenswert ist, wenn die Tests an Ort und Stelle gemacht wurden, denn wer würde mit einem positiven Testergebnis aus der Apotheke dort antreten? Ich weiß nicht recht, wie ich mir das vorstellen soll.

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