Tüte der Woche Nr. 76

Kratzt es im Hals? Unangenehm. Neben diversen Hausmitteln wie Socken, warmem Bier oder ’nem steifen Grog hält die Apotheke Hilfen bereit, die OTC – Mittel heißen. Rezeptfrei bedeute das, findet man im Internet. Na toll, und was heißt OTC? Da muss ich etwas tiefer graben, bis das Netz die gewünschte Info ausspuckt: Over-the-counter drugs sind also solche, die direkt über den Ladentisch gehen. Und dieses Mittel hier kennt jede/r.

Doch zuerst die Fakten:

Breite: 25 cm. Höhe: 38,5 cm.

Die verwendeten Farben sind schwarz, weiß, zitronengelb und kirschrot. Die wichtigste Botschaft sticht rot hervor und ist mit Apostroph flott abgekürzt: „Wenn’s um den Hals geht“. Mit der gleichen Farbe wird „Hilft schnell bei“ nachdrücklich unterstrichen. Der Produktname „frubienzym“ ist optisch zweigeteilt in schwarz und gepünktelten flächigen Druckbuchstaben. Als Hingucker auf dem Mittelteil dient eine geöffnete Papierschachtel, aus der die ebenfalls geöffnete Packung herausragt. Die Tabletten kullern einem „zum gleich Zugreifen“ entgegen.

Halsschmerzen und Heiserkeit sind bekannt, aber den Begriff „Anginen“ habe ich in dieser Form noch nicht gelesen. Es handelt sich um den Plural von „Angina“ und meint Entzündungen des Rachenraumes.
Fast kann man die Schrift auf der Packung noch entziffern, gute Zeichnung.

Von Dieckmann Arzneimittel in Bielefeld stammt das Produkt, verrät die unterste Schriftleiste. Die Dieckmann Arzneimittel sind in irgendeiner Weise, die ich nicht genau ermitteln konnte, in die Firma Merck aufgenommen worden. Und Frubienzym? Das gibt es nicht mehr. Mein Mann ist entsetzt. Wie auch andere ehemalige Halskranke im Netz schreiben, sei dieses Mittel das Einzige gewesen, das geholfen habe. Das sah man von höherer Stelle anders. Die Wirksamkeit habe nicht nachgewiesen werden können, hieß es, zudem habe das verwendete Hühnereiweiß zu anaphylaktischen Schocks geführt. Das Medikament ist seit 2009 nicht mehr auf dem Markt. Ende der Tütengeschichte? Aber nein, es gibt ja noch eine andere Seite 🙂

Auf der sitzt ein roter Teufel, der Halsteufel, hinter Gittern und grämt sich, weil ihm die Halstabletten keine Chance lassen.

Dieser Teufel gefällt mir und ich suche im Netz.

Da sitzt er grämig mit dem Dreizack.

Und plötzlich ist der Teufel los und sticht und hämmert überall.

Eine Anzeige aus dem Bayrischen Apothekerblatt von 1973. Hier ist man vom Produkt noch recht begeistert.

Der Teufel, finde ich nun heraus, ist nicht irgendein dahergelaufener. Walter Hanel (geboren am 14. September 1930) hat ihn gezeichnet, Urgestein der Karikaturistengilde. „Genschman“ hat er zu dessen Abgang eine Hommage gezeichnet und geschrieben und viele Karikaturen kenne ich aus Politikbüchern. Als humorvoll-scharfer Betrachter des politischen Alltags hat er sich einen Namen gemacht, aber auch als Zeichner und Künstler. Über seine Verbindung zu Pillen-Dieckmann schweigt das Netz.

Aber er hat den Halsteufelchen sogar ein ganzes Buch gewidmet.

Schade um den armen Teufel, zusammen mit der Halstablette ist er in den Höllenschlund gefahren und ward nicht mehr gesehen…

9 Kommentare

  1. Kleine Anmerkung: Genschman wurde von Achim Greser für die Titanic gezeichnet. Walter Hanel hat noch für den Titanic-Vorläufer „Pardon“ gezeichnet, für die Titanic allerdings nicht. Das Pardon-Teufelchen stammt von F.K.Waechter.
    Frubienzym habe ich früher auch gelutscht, mir half es eher nicht.

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    1. Danke für die Anmerkung. Erfunden hat Hanel den Genschman nicht, aber seine Hommage in Buchform soll den Träger des Gelben Pullunders sehr gerührt haben. Wie so oft, wenn man auf Ikonographisches stößt, müsste man eigentlich einen Roman schreiben. Ein Blogbeitrag greift stets zu kurz…

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      1. Zur Halsmedizin erreicht mich am 14. Mai noch eine nachträglich Information von Gert Pauly, die ich mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis gerne hier einfüge:

        Sehr geehrte Frau Heming,

        mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel über Frubienzym gelesen. Ich habe dieses Mittel früher gerne genommen, weil es sehr gut gegen schmerzhafte Beschwerden im Rachen geholfen hat. Das Mittel wurde dann vom Markt genommen. Ich erinnere mich, dass ich einen Bericht darüber im Radio gehört habe. Darin wurde von einem „Experten“ behauptet, dass Kinder die Tabletten in zu großen Mengen nehmen würden und dadurch andere gefährliche Erkrankungen kaschiert würden. Das wäre der Grund, das Mittel vom Markt zu nehmen.
        Das leuchtete mir aber nicht ein, da man es ja auch über Rezept hätte verteilen können. Dann wäre ein Missbrauch erschwert worden.
        Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die ganzen anderen Mittel, die dann angeboten wurden (z.B. Dobendan), auch nicht annäherungsweise an die Wirkung von Frubienzym herankommen. Es lohnt sich praktisch überhaupt nicht, diese Mittel einzunehmen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.
        Vor zwei Jahren habe ich noch einmal im Internet intensiv recherchiert, ob es nicht im Ausland ein vergleichbares Medikament zu Frubienzym gibt. Ich hatte die Hoffnung, dass im Ausland ja andere Bestimmungen gelten und eventuell ein Präparat zu finden wäre, das vergleichbar gut wäre wie Frubienzym.
        Dabei hatte ich schließlich Erfolg. In Frankreich wird eine Lutschtablette verkauft, die ähnlich wie Frubienzym Cetylpyridiniumchlorid und Lysozym enthält.

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