Kämpferisches

Gegen die in meinem Inneren um sich greifende Lethargie plane ich einen Mai – Ausflug. Da zu erwarten ist, dass die Verkehrsdichte auf den Radwegen des schönen Münsterlandes hoch ist, die Temperaturen aber niedrig sind, will ich einfach mal weiter weg. Dahin, wo ich noch nie zuvor gewesen bin. Am Ende der (vermutlich und dann tatsächlich) freien A1 liegt das Künstlerdorf Worpswede. Das Internet informiert mich über Öffnungszeiten der Museen und die Notwendigkeit, ein Timeslot zu buchen. Aber gern! Nun ist Worpswede geradezu übervoll von Besichtigungsmöglichkeiten und ich picke mir für die Erstbegegnung zwei heraus. Sehr ländlich wird es nach der Autobahn, vor Wildwechsel wird gewarnt. Auf der linken Seite beschweren sich auf großen Bannern Tierfreunde, dass sie keinen SCHIESSTOURISMUS wollen. Andere nehmen diese Plakate zum Anlass, ihre grundsätzliche Haltung zu formulieren und überkleben IE mit EI.

Unser erstes Ziel ist der Barkenhoff (abgeleitet von Birkenhof).

So nennt Heinrich Vogeler 1896 seinen Wohnsitz, in dem er bald eine Gruppe illustrer Künstler um sich schart. 1901 heiratete er die Lehrerstochter (scheint eine Art Prädikat zu sein 😉) Martha Schröder.

Lange verschollenens Gemälde Vogelers von seiner ersten Tochter Mieke.

Vogeler malt und entwirft im Jugendstil, im Haus ist auch viel Mobiliar zu sehen.

Bestickte Sessellehne.

Nach dem ersten Weltkrieg stellt Vogeler sich ganz in den Dienst des Kampfes für die Arbeiterschaft und den „neuen“ Menschen. Als das Kommunenexperiment auf dem Barkenhoff scheitert, übernimmt die „Rote Hilfe“ das Haus als Kindererholungsheim.

Im Museum gibt es einen sehr anschaulichen Film zu sehen, hier wird Professor Jan Jürgen Vogeler interviewt, Sohn seiner zweiten Frau, geboren in Moskau. (Notiz : die erste Frau bleibt in Worpswede und baut sich dort eine zweite Existenz auf, beim nächsten Mal ansehen!)

Erhalten sind auch die glühenden Reden, mit denen Vogeler im Rundfunk gegen die Nationalsozialisten kämpft und die Freiheit der Kunst in der Sowjetunion preist. 1941 wird er zusammen mit weiteren eingewanderten Deutschen von Moskau nach Kasachstan zwangsevakuiert, dort stirbt er verhungert und bettelarm.

Modernes ist auch ausgestellt!

Sehr spannend, auch die Ausstellung der weiteren Künstler. Schade, dass das Museumscafé geschlossen ist. Aber die Eisdiele an der zweiten Station hat auf, Eis und Kaffee auf die Hand, besser als nix.

Schon wartet unser zweites Zeitfenster, von dem die Museumsleiterin so viel hält, wie von einem durchgescheuerten Putzlappen. Wir sollten doch bitte einfach hereinkommen, müssten uns aber bitte auf diese Liste eintragen. Machen wir alles. Das Museum ist noch gar nicht alt, erst 1997 eröffnet, nachdem die Eltern des Inhabers wenige Jahre zuvor das ehemalige Wohnhaus von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker erworben hatten.

Im Untergeschoss überzeugt durch eine sehr aussagekräftige Zusammenstellung von zeitgenössischen Zitaten, Fotos und Kunst die Ausstellung „Paula in Worpswede – ein Frauenleben um 1900“. Paula Becker hat sich ihr (viel zu kurzes) Leben lang durchgekämpft, um als Künstlerin anerkannt zu werden, ihr eigener Vater bescheinigt ihr in einem Brief ungefähr in diesem Wortlaut ein recht witziges Talent zum Zeichnen, das für etwas Großes offensichtlich nicht reiche.

Die Ausstellung ist Teil der Initiative frauenORTE und noch bis zum 31.10. zu sehen.

Zeit für das ausflugstypische Catering, traditionsgemäß mit kleinen Frikadellen und Erdbeerquark zum Dessert.

Wir wagen einen noch Spaziergang zum Niedersachsenstein, denn die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft. Auf halber Strecke verliert sie den Kampf und ein schrecklicher Regen prasselt herab. Unterstellen und dann mit nassen Sachen zurück zum Auto. Auch der Oldtimer verabscheut Regen und springt nicht an. Nach dem dritten Versuch klopft es bei uns an die Scheibe, eine Lederjackenfrau mit zwei ebenfalls schwarzgewandeten Töchtern bietet uns Hilfe an. Kurzerhand schickt sie die Leute weg, die nebenan in ihrem Auto ein Eis essen, parkt ihr großes Auto neben unser kleines und holt das notwendige Equipment zur Wiederbelebung heraus. Der Oldtimer ist direkt überzeugt und startet problemlos, mein Mann gibt den hilfreichen Walküren eine Runde Eis aus. So gesehen ist die Emanzipation doch schon ein Stück vorangekommen.

Und in Worpswede waren wir nicht zum letzten Mal 😊

15 Kommentare

      1. Stimmt, bei der Planung habe ich noch gesehen, dass es auf der Strecke kurz hinter Bremen liegt. Aber ich fahre jetzt erstmal mit dem Zug gen Norden. S- H bietet solchen Luxus wie Außengastro, von der wir in NRW nur träumen können.

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  1. Für mich ist Worpswede ziemlich weit weg, aber ein Ort, den ich seeeehr gerne besuchen würde. Paula Modersohn, ja eigentlich Paula Becker, gehört nicht zu meinen Lieblingsmalerinnen aber vor ihrem Lebensweg als Künstlerin habe ich den allergrößten Respekt

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  2. Nächstes WE gehts erstmal an den Niederrhein aber dann wollen wir auch wieder mehr austesten was geht im Umland. Braunschweig selber scheint stabil unter der 100 zu bleiben, wenn Kreise wie Salzgitter und Vechta endlich unter die 200 kommen, könnte NDS als Ganzes unter die 100 rutschen. Für Mitte Mai ist angekündigt das in Kreisen in denen die Inzidenz unter 100 ist, auch die Aussengastronomie wieder öffnen darf. Letztes Jahr ging es auch ab Mitte Mai wieder los mit Öffnungen, nun haben wir dazu noch Tests und die Impfungen kommen auch langsam in Gang

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    1. Früher war ich ja nicht so ein Gerne-draußen-Sitzer, inzwischen nehme ich jeden Plastikstuhl mit Begeisterung an. Mitte Mai wird bestimmt klappen, von GANZ OBEN ist auch versprochen, dass die Temperaturen sich antiproportional zu den Inzidenzwerten verhalten.

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  3. Toll, da möchte ich auch unbedingt mal hin. Kennst Du den Worpswede-Roman von Klaus Modick: Konzert ohne Dichter? Sehr lesenswert, seit der Lektüre kann ich allerdings kein Rilke-Gedicht mehr ohne Vorbehalte lesen.

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  4. Sehr schön, endlich sehe ich etwas von Worpswede!
    Ich war im April für zwei Wochen Katzensitting in Bremen, habe es aber nie in das nahe Künstlerdorf geschafft, weil es die meiste Zeit geregnet hat. Ich hoffe sehr, dass mich die Katzenfamilie mal wieder nach Bremen einlädt. Dann stehen Worspwede und Fischerhude ganz oben auf dem Plan.

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