Tüte der Woche Nr. 83

Verdammt lang her… In einem früheren Leben – vermutlich 1983 oder 84 – war ich mal in Koblenz. War gar nicht so leicht gewesen, dahinzukommen, denn ich musste meine Eltern dazu überreden, mich auf dem Motorrad meines damaligen Freundes mitfahren zu lassen. Nachdem ich mit wochenlanger Quengelei die Nerven meiner Eltern erfolgreich zermürbt hatte, ließ mein Vater sogar eine seiner Lederjacken für mich umnähen (sprich: die Ärmel wurden ca. 50 cm gekürzt;). Und da war ich dann an einem Tag schön shoppen, an einige Teile kann ich mich sogar noch gut erinnnern..

Doch zuerst die Fakten.

Breite: 34 cm. Höhe: 43 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich. Die Tüte ist weiß, die Fläche mit grauem Kästchenkaro von 3×3 cm gestaltet. In der unteren Hälfte hebt sich ein schwarzes V mit zwei ungleich langen Schenkeln hervor, davor prangt eine schlanke feuerrote 3.

In der Tütenfalz steht diesmal wieder etwas, nämlich die Anschrift, auch rot:

V3 koblenz altlöhrtor 9 02 61/3 26 28

Unter der Adresse ist in Koblenz jetzt eine Filiale der Müller-Drogerie zu finden. Kein Wunder, denke ich, dem Textileinzelhandel geht es ja auch nicht berauschend, vor allem nicht jetzt. Mal sehen, wie lange der Laden durchgehalten hat. Ich gebe V3 ein und bin überrascht:

Eine Frau Rita Vollmer-Vetter bietet unter dem Label V3fashion Internetshopping an. Die Anschrift ist allerdings eine andere. Aber kann das ein Zufall sein? Wer nennt seinen Laden denn V3?

Eigentlich wollte ich im Garten tätig werden, doch es regnet sanft, alles grünt schön vor sich hin und da will ich nicht unnötig stören. Lieber rufe ich an und habe die Ladeninhaberin auch gleich am Apparat.

Ich sage mein Sprüchlein zur Tütensammelei auf und erkläre, Besitzerin einer V3-Tüte zu sein. Ob das wohl..? Ja, sagt Frau Vollmer-Vetter gut gelaunt, die Tüte müsste weiß sein mit einem schwarzen V und einer roten 3. Da bin ich platt. Frau Vollmer begeistert sich zunächst für mein Tütenhobby, sie erinnere sich zum Beispiel an die Kaiser’s-Tüte , ich kontere mit der Ihr-Platz-Margerite. Ach ja, früher. Ob sie Lust habe, mir zu erzählen, was sie mit dieser Tüte zu schaffen habe? Aber gern, sagt die Modefachfrau, dazu müsse sie nur etwas länger ausholen.

Sie habe nämlich viele Jahre bei Vollmers Damenmode gearbeitet. Und ganz in der Nähe, da habe sie zusammen mit ihrer Schwester den V3-Laden gehabt. Vor etwa 10 Jahren sei ihre Schwester in Rente gegangen, das Geschäft geschlossen worden und im selben Zuge habe sie ihre Internetpräsenz eröffnet. Ja, das hatte ich gefunden, mit einem Angebot fürs Personal Shopping, hier unterschreibt sie Infos und Neuigkeiten für die Kunden auch gerne mit ihrem Spitznamen „Ritsch“. Wieso V3, interessiert mich zu wissen. Ja, das sei ganz einfach, es sei der dritte Vollmer-Laden gewesen und Abkürzungen habe man in den 80ern ganz cool gefunden, das sei in gewesen. Wobei, ihre Mutter, hätte damals darauf hingewiesen, dass die Namensgebung nicht so ganz glücklich sei, wegen der Verbindung zu dieser Rakete aus dem zweiten Weltkrieg. Ach du meine Güte, daran hatte ich gar nicht gedacht. Na eben, sagt Frau Vollmer, sie auch nicht. Dann sei es nach der Schließung des Ladenlokals um den Namen für ihre Neuexistenz gegangen, es hätte schnell gehen müssen und im Keller waren auch noch Taschen…naja, so sei es bei V3 geblieben.

Übrigens, zur Erinnerung habe sie noch zwei herumliegen. Eine besonders beliebte hatte eine schöne rote Kordel als Griff. Wie sie im Moment mit Tüten verfahre, frage ich nach. Ach, die Kundschaft sei da schon empfindlich. Ganz schlichte Papiertüten ohne Aufdruck, das sei im Moment gefragt und akzeptiert. Ich erzähle von der Idee der Pfandtüte, die sie ziemlich clever findet. Bei einigen Lieferanten aus Holland (die seien da ja immer etwas fixer) müsse man auch die Verpackungen wieder mitbringen. Es folgt das unvermeidliche Gespräch über die Folgen von Corona, die Zukunftsaussichten und die Sehnsucht der Gastronomen nach durstigen und hungrigen Gästen.

Also diese Tütengeschichten, sagt Frau Vollmer-Vetter, das finde sie super, freut sich schon auf den Link, den ich ihr mit Veröffentlichung versprochen habe und bedankt sich für die interessante Unterhaltung.

Viele Grüße an den schönen Rhein, ich habe zu danken!

7 Kommentare

  1. Naaaa… Endlich mal jemand, der zu finden ist und auch noch begeistert Auskunft gibt! Ein Geschäft nach noch vorhandenen Tüten zu benennen ist toll. Ich müsste dann mein Geschäft allerdings LIDL nennen. Ist die einzige Tüte, die ich noch hier habe.

    Gefällt 2 Personen

  2. …und ich bin unfassbar angetan, das hier aus unserer früher großzügig verteilten und daher oft böswillig als ‚Kaufhaustüte‘ geschmähten Tragetasche eine so kurzweilige Geschichte geworden ist 😉 …die weitaus mehr geliebte Schwester mit den roten Kordelhenkeln wird diese Wertschätzung wohl niemals erfahren 😀
    Ganz herzlichen Dank dafür und Grüsse aus Koblenz
    Rita VoVe

    Gefällt 1 Person

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