Tüte der Woche Nr. 85

Das dauert länger. Wer keinen Kaffee hat, koche sich einen, wer nur zwei Minuten hat, lese lieber heute Abend. Die heutige Tüte führt geographisch, sozial und natürlich auch zeitlich durch ganz Deutschland. Daran mitgewirkt haben als bewährte Mitarbeiterin der Tütenforschung meine Mutter, erneut Frau Grütters vom Stadtmarketing Coesfeld, die immer schon lachen muss, wenn ich wieder anrufe, sowie insbesondere der freundliche Herr vom Stadtarchiv Ahaus.

Doch zuerst wie immer die Fakten.

Breite: 32,5 cm. Höhe: 45,5 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite sind gleich. Die Tüte ist mintgrün mit schwarzem Aufdruck.

Auf jeden Fall dickes b.

Der Name beckering wird durch schwarze Striche gebildet. Unter dem Namen sind die west-westfälischen Orte Ahaus, Gronau, Stadtlohn, Coesfeld angegeben, offensichtlich ein Hinweis auf Filialen. Die Anordnung ist nicht alphabetisch, möglicherweise nach Eröffnungsdatum.

Das zwar klein geschriebene, aber sehr dicke b leicht links von der Tütenmitte weist im Inneren eine Schattierung auf.

Der erste Zugriff im Netz enthüllt… wenig. Beckering in Gronau schließe zur Jahresmitte heißt es in einer Schlagzeile von 2008. Von Beckering in Stadtlohn und Coesfeld keine Spur. Für Ahaus spuckt das Netz ein schönes altes Foto aus. Hmm.

Ich nehme die Tüte mit zum Frühstück zu meiner Mutter. Ja, Beckering sei ihr ein Begriff. Aber wo genau die Geschäfte jeweils waren und warum sie schließen mussten, weiß sie auch nicht. Unzweifelhaft aber Bekleidung, das steht fest. Meine Mutter holt ihren Schatz aus der Kammer, eine Jubiläumsausgabe zum 150jährigen Bestehen der Tageszeitung vom 31. August 1984. Wer geschäftlich was auf sich hielt, musste hier einfach inseriert haben. Und tatsächlich, Beckering gratuliert mit einem sehr üppigen Blumenstrauß auf Seite 9.

Wieder zu Hause rufe ich Frau Grütters an, die sich zuerst amüsiert und dann zu Hause dicke Bücher wälzt. Sie findet Beckering auf einem Foto von 1986, gelegen an der Ecke Schüppenstraße /Süringstraße. Das kann als Gesamtauskunft noch keineswegs zufriedenstellen. Ich schreibe das Stadtarchiv Stadtlohn an. Das Modehaus Beckering sei von etwa 1981 bis 1986 mit einer Filiale an der Johannesstraße ansässig gewesen, findet man dort heraus. Puh, mühsam. Ich telefoniere mit dem Heimatverein Ahaus, mit Heimatvereinen habe ich auch schon gute Erfahrungen gemacht. Am Telefon habe ich einen alten Herrn, der laut eigenem Bekunden nicht aus Ahaus stamme und daher nichts wisse. Aber ich solle doch den Hermann X. anrufen, der kenne sich aus. Das Oertliche kennt drei Herren gleichen Namens, die auf meinen Anruf hin alle Stein und Bein schwören mit dem Heimatverein in keiner Verbindung zu stehen und sowieso keine Ahnung von Plastiktüten oder Modehäusern zu haben.

Gibt’s doch nicht. Ich schaue mir die Erstfunde nochmal an. Das schöne alte Foto ist vom Stadtarchiv Ahaus, das hatte ich noch nicht angeschrieben und hole das gleich nach. Zur Schlagzeile von Beckering in Gronau stoße ich bei erneuter Suche auf die ersten Sätze eines Artikels aus einem meiner Lieblings-Fachmagazine TextilWirtschaft. Beckering, erfahre ich dort, gehöre zur Weber am Ufer Exklusive Mode Handels GmbH. An deren Spitze stünde unter anderem eine Frau Berndl, geborene Zumwinkel… Zumwinkel, etwa der? Fast. Frau Berndl ist Tochter des steinreichen Paares Inge und Hartwig Zumwinkel und Hartwig wiederum ist der ältere Bruder unseres ehedem beliebten und wegen einer kleinen Steuerhinterziehung verurteilten Oberpostlers. Während ich diese Informationen noch verdaue, kommt elektronische Post aus Ahaus. Das Tüten-Projekt wird freundlich gewürdigt, zudem wird um Geduld gebeten. Die hatte ich, weswegen es nun die volle Ladung an Informationen gibt, die ein engagierter Archivar zu liefern in der Lage ist. 😊

in Erwiderung Ihrer freundlichen Anfrage vom 18.05.2021 kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:   Das Gebäude Markt 12, 48683 Ahaus, in welchem sich das von Ihnen nachgesuchte Modegeschäft Beckering befand, war schon über mehrerer Generationen von der Familie Beckering betrieben worden, war allerdings nur bis zuletzt ein Bekleidungsgeschäft. Aus dem Gewerberegister konnte ich folgende Informationen entnehmen: Johann Georg Beckering betrieb dort seit dem 15.12.1935 eine Schank- und Spirituosenwirtschaft. Seit dem 28.09.1942 erfolgte die Erweiterung des Geschäfts auf den Handel mit Manufakturwaren (Textilien und Stoffe). Ab dem 01.04.1963 erfolgte die Erweiterung des Geschäftsbetriebs auf den Einzelhandel mit Waschmitteln und Kurzwaren (Näh- und Schneidereibedarf). Die Schankwirtschaft wurde am 23.02.1972 rückwirkend zum 01.03.1969 abgemeldet. Johann Georg Beckering, geb. 13.11.1905 in Ahaus, selbst melde sämtliches Gewerbe zum 17.10.1983 ab. Ein Bruder dessen namens Ludger Beckering, geb. 26.12.1909 in Ahaus, meldete zum 01.11.1940 einen Blumenhandel und Gärtnerei an der Wallstraße 1 in Ahaus an, welchen er zum 23.10.1991 wieder abmeldete. Der Vater der beiden vorgenannten Brüder, Johann Georg Joseph Beckering, geb. 1853, war ebenfalls Kaufmann in Ahaus gewesen. Die Schwiegertochter von Johann Georg Beckering, Margret, übernahm den Laden am Markt 12 in Ahaus und meldete den Betrieb am 07.01.1985 auf ihren Namen um, nachdem sie ihn bereits am 18.10.1983 von ihrem Schwiegervater übernommen hatte. Sie entwickelte das Geschäft zu dem Ihnen bekannten Textilienhandel. Bereits am 31.05.1986 meldete sie das Gewerbe wieder ab. Ab dem 01.06.1986 wurde der Betrieb in die Modehaus Beckering GmbH umgewandelt, deren Inhaber ein Hartwig Zumwinkel aus Moers war. Auch der Firmensitz verlagerte sich nach Moers, Im Moerser Feld 1-3. Der Standort am Markt 12 wurde zum 05.09.1994 aufgegeben.( … )

Nr. 1. Das Modehaus Beckering im Juli 1985, die Aufnahme stammt vom ehem. Verkehrs- und Kulturamt der Stadt Ahaus, Quelle: Stadtarchiv Ahaus, Sammlung Fotos, Signatur 07.12  

Nr. 2. Die Ihnen bereits bekannte Ansicht des Geschäfts Beckering, damals noch als Schankwirtschaft und Manufakturwarenhandel betrieben, aus dem Jahr 1939. Quelle: Stadtarchiv Ahaus, Sammlung Fotos, Signatur 07.7  

Für die Recherche berechne ich Ihnen eine Gebühr (nicht der Rede wert! 😊) , die Gebührenrechnung hierüber übersende ich Ihnen anbei. Ferner gestatte ich Ihnen die Verwertung des erstgenannten Fotos in Ihrem Blog hiermit ausdrücklich.

Mir persönlich reicht das an Information, bei Zumwinkels rufe ich jetzt nicht mehr an.

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