Hausfrauliches

Eines meiner beständigen, aber untergeordneten Lebensziele ist die Promotion über Vorwörter in Kochbüchern. Nach meiner These zeigt sich darin sozialer Wandel oder soziale Beständigkeit besonders deutlich, weil Vorwörter in Kochbüchern zwar kaum bewusst gelesen werden, ihr „Geist“ aber wie ein klebriger alter Fliegenfänger in der Küche hängt.

Zitat aus dem Volkskochbuch von Mary Hahn, 1934:

„Willst du fesseln deinen Mann mit zwei Dingen ist’s getan,

Koch ihm ein schmackhaft Gericht und zeig ihm ein freundlich Gesicht. …..

Er kommt hungrig nach Hause, darum sei das Essen auch stets pünktlich fertig, auch sorge man für stete Abwechselung in den Speisen, das macht die Mahlzeit interessant. Der dankbare Gatte wird lächelnd und gespannt sehen, was seine erfindungsreiche Hausfrau Neues bringt….“

Zitat aus dem Kochbuch der klugen Hausfrau von Getrud Oheim , 50er Jahre:

„Die Frau hat sich nur langsam ihren Platz in der Küche erkämpft. Aber sie weiß heute um die Macht, die ihrem zierlichen Kochlöffel innewohnt. Wie oft hat nicht ein auf der Zunge zerfließender Filetbraten, ein sanft hingehauchtes Omelett oder eine duftende Schale Mokka drohende Wolken am ehelichen Himmel zerstört.“

Zitat aus ich koche für Dich von Margarete Kalle, 1976:

„Wie beglückend ist es für Sie, meine verehrte Hausfrau, wenn Sie nach des Tages Hetze und Plage bei Tisch die Augen Ihres Mannes und der Kinder leuchten sehen. Wie schnell vergessen Sie darüber ihre Sorgen und kleinen Ärgerlichkeiten, die sich vielleicht im Laufe des Vormittags einstellten und Ihnen den ganzen Tag zu vergällen drohten. Wiegt ein strahlender Blick oder ein zufriedenes Brummen nicht all die Arbeit auf, die Sie mal wieder um „Ihre Lieben“ hatten?

Wirklich spannend ist, was dann in den 90ern und 2000ern passiert, dazu dann mehr in meiner Promotion. Wir bleiben mal beim Geist der Mary Hahn, die munter bis in die 70er fortlebte und als Wiedergängerin auch immer mal um denThermomix herumwabert, und begleiten sie zu ihren Schwestern nach Frankreich.

KINO-UPDATE. DIE PERFEKTE EHEFRAU heißt der Film, eine neue Komödie aus Frankreich, und Juliette Binoche spielt eine der Hauptrollen. Da darf man doch hoffen, dass unter Verwendung einiger süß-sahniger Klischees eine leichtverdauliche Abendunterhaltung geboten wird.

Paulette van der Beck (Binoche) führt zusammen mit ihrem Mann, der die Finanzen verwaltet, eine strenge Hauswirtschaftsschule im ländlichen Elsass, in der Mädchen noch ihren letzten Schliff als Hausfrau erhalten sollen, bevor sie zu ihrem Besten und zum Glück des künftigen Gatten verheiratet werden. Paulette kümmert sich um Benehmen und Stil, ihre unverheiratete Schwägerin wirkt in der Küche und eine Ordensschwester sorgt für Regeln, Anstand und Sauberkeit. Soweit das Setting, dass schon gar nicht so witzig ist, weil die brutale und überraschend kurz berockte Nonne derart verquer über rothaarige Mädchen spricht. Die Schülerinnen dieses Jahrgangs bilden praktischer Weise einmal das ganze Spektrum junger Frauen ab, von der cleveren, vorwitzigen Vorzeigeblonden bis zum Schäfchen mit Riesenbrille. Es sind aber nur sehr wenige in diesem Jahrgang 1967, offenbar halten nicht mehr alle Eltern eine Schulung ihrer Töchter für geboten.

Die Geschichte setzt richtig ein, als der Hausherr an einem Kaninchenknochen erstickt und Madame nun (huch!) für die Finanzen zuständig ist. Das ist aber nur der Aufhänger für einen Bankbesuch, bei dem sie den Mann trifft, den sie eigentlich geliebt hat und der sie noch immer unsterblich liebt. Warum es dazu diesen Bankbesuch benötigte, bleibt unklar… Während also Madame ganz neu entdeckten Leidenschaften frönt, versucht die Nonne die schändlichen Bestrebungen der Moderne von der Schule fernzuhalten. Auch die Schwägerin verliebt sich übrigens in den schmucken Bankmann, aber das spielt später keine Rolle mehr. Der leichte Sahnepudding stößt einem regelmäßig bitter-sauer auf, denn entgegen den Regeln der Komödie werden ernste Probleme und Sorgen der Mädchen immer mal wieder eingestreut, bis hin zu einem Selbstmordversuch. Dieser dient wiederum nur dazu, Madame zwei Tage schmollend im Bett verbringen zu lassen, bis sie sich schließlich dazu durchringt, der Manipulation von Mädchen zu entsagen und die Schule dichtzumachen. Aber davor fahren alle noch einmal nach Paris. Der Grund ist eigentlich egal und der Bus kommt auch in Paris gar nicht an. Allein die Tatsache, dass die Landpomeranzen sich nun in die große Stadt aufmachen, lässt sie, einschließlich der rauchenden Nonne, zu emanzipierten Frauen werden. Was war nun mit den maroden Finanzen der Schule? Ach egal, wird ja eh geschlossen. Hauptsache, Madame trägt jetzt Hosen.

Fazit: Ich sag’s ja nicht gern: Mon dieu, diesen Kinobesuch kann man sich sparen! Guckt einfach was anderes!

16 Kommentare

  1. Faszinierend, was in älteren Büchern so steht (liest eigentlich jemand die gegenwärtigen kritisch gegen?).
    Andererseits: wenn man das deterministisch festgelegte Geschlecht einmal wegläßt: natürlich freut sich der Bekochte über ein liebevoll bereitetes und idealerweise auch noch gelungenes Mahl, so soll es auch sein, und Koch oder Köchin wären gewaltig enttäuscht, wäre es anders.
    Neulich gab es bei uns angebrannte Paprika mit steinhartem Hackfleisch gefüllt. Prinzipiell geeignet, alles einzuschweißen und als Campingnahrung mitzuführen. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, das war so auch nachvollziehbar.
    Nicht verraten wird, wer der Täter war.
    Denn der moderne Mann steht selbstverständlich gerne selbst am Herd, oft etwas weniger begeistert am Spülbecken, und leistet so seinen Beitrag zur weiblichen Emanzipation oder sogar Abbitte für die Vorväter. Bleibt das Problem mit der Zeitaufteilung der Berufstätigen. Denn unsere Gesellschaft hat es ja nicht etwa ermöglicht, dass auch Frauen arbeiten gehen können – nein, sie hat es sogleich zur Verpflichtung erhoben, und die Albernheit, dass Kinder in irgend einer Situation ihre Eltern, gar ihre Mami brauchen könnten, sollen sich die Leute gefälligst ganz schnell abgewöhnen! Die Kleinen können sich gar nicht früh genug daran gewöhnen, dass ein Profi „ja, ja, schon schlimm. Wird schon wieder“ sagt und zum nächsten eilt, besser wird’s in diesem Leben nicht mehr und die Pflegeroboter für die Alten stehen ja auch schon in den Startlöchern.
    WIe gesagt, einer- und auch andererseits, alles hat mindestens zwei Seiten. Und so kann sich die moderne Alleinerziehende – die männliche Form gibt’s, aber selten! Und hat dann mindestens dasselbe Problem. – keineswegs aussuchen, in welchem Umfang sie ihre Kinder abgeben, fremdbetreuen oder allein lassen will. Noch, was gekocht wird. Das entscheidet im Niedriglohnland der Geldbeutel und die gesellschaftliche Meinung.
    Na, heute war das Essen besser. Leber, Zwiebelchen, Apfel… Stimmt, ich selbst war wieder nicht der Täter.

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