Gesammeltes

Was meine Leser bewegt, bewegt mich natürlich auch. So fragt sich sinnlosreisen in einem Kommentar zur letzten süßen Tüte der Woche, was wohl mit den ganzen Kastanien geschehen sei, die er als Kind im Tausch gegen Haribo-Konfekt gesammelt habe. Ich möchte mit meinem Anruf beim Kundenservice nicht lästig fallen, deswegen schreibe ich meinen Tütenspruch nebst Kastanienfrage in das entsprechende Formular.

Bereits kurze Zeit später meldet sich Frau Münz, mit der ich ja schon zur Tüte telefoniert hatte, per Mail und zusätzlich auf dem Anrufbeantworter. Die Sache mit den Kastanien scheint ihr ein besonderes Anliegen zu sein. Endlich habe ich Gelegenheit für ein Gespräch, Stift und Zettel liegen bereit.

Das alles aufzuschreiben, sagt Frau Münz, sei ihr doch etwas umständlich vorgekommen, lieber könne sie erzählen. Die Kastanien-Tradition sei vor über 80 Jahren vom Gründer selbst ins Leben gerufen worden. Die gesammelten Kastanien, aber auch Eicheln habe er als Wildfutter verwendet. In Bonn-Kessenich, dem ursprünglichen Firmensitz, wurde daraus mit den Jahren eine Art Happening, das viele Besucher anzog. Um die mehrstündigen Wartezeiten für die Kinder zu verkürzen, begann man Spiele zu veranstalten, Toilettenwagen aufzustellen. Die Nachbarschaft richtete sich ebenfalls auf den Termin ein und bot an Ständen Kaffee, Kuchen und Würstchen an. Das Aufkommen der gesammelten Früchte war inzwischen mengenmäßig derart angewachsen, dass neben den Rehen auf den Privatländereien auch Tiergehege mit der Winterfütterung unterstützt wurden. Außerdem wurde frühzeitig das Mengenverhältnis angepasst: Für 10 Kilo Kastanien oder 5 Kilo Eicheln habe es 1 Kilo Süßwaren gegeben.

Nach dem Umzug wurde die Tradition mit großem Aufwand weitergeführt, der Firmenparkplatz wurde geräumt, im Grunde gab es eine Art Kirmes, für die Leute von weither immer noch anreisen. Etwas irritiert ist Frau Münz, dass ich von dieser Aktion noch die gehört habe. Ich auch. Ja, erzählt sie weiter, bei Corona im letzten Jahr habe man sich etwas einfallen lassen müssen. Natürlich seien die Massen von Leuten in Warteschlangen nicht sinnvoll, aber man habe auch die Kinder nicht enttäuschen wollen, die jedes Jahr auf diese Aktion warten. Statt also den Parkplatz für eine Kirmes zu räumen, habe man eine Autowaage aufgebaut und die Autos samt Insassen vor und nach der Abgabe der Kastanien gewogen. So seien fleißigen Sammler dann doch auf ihre Kosten gekommen.

In diesem Jahr, und das sei ihr besonders wichtig, könne es leider keine Kastanien-Aktion geben. Direkt in der Nachbarschaft seien die Folgen des Hochwassers noch zu sehen und zu spüren. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien mit ihren Familien von der Flut betroffen. Daher habe man neue Prioritäten gesetzt und einen Verein gegründet, Haribo hilft eV, der nicht nur finanziell unterstütze oder Helfer mit Süßigkeiten versorge, sondern vor allem auch das Know How von Architekten, Bauträgern und anderen Fachkräften zur Verfügung stelle. Und daher, schließt Frau Münz, könne es in diesem Jahr keine Tauschaktion geben. Sie wünscht sich aber, dass die Tradition im kommenden Jahr hoffentlich wieder aufgenommen werden kann.

Wir sprechen noch über die Eindrücke des Hochwassers, die ich über die Medien und Frau Münz auch bei tatkräftiger Hilfe vor Ort gewonnen hat. Unsere angeregte Unterhaltung führen wir ganz vorsichtig auf ein ähnliches Alter zurück. Es stellt sich heraus, dass wir nicht nur den gleichen Vornamen, sondern auch das gleiche Geburtsjahr haben. Ich habe allerdings vergessen zu fragen, ob sie auch am liebsten Lakritzschnecken mag….

Im Nachgang gab es sogar auf diese Frage noch eine ausführliche Antwort: „Ich selber habe viele Favoriten aus dem großen Sortiment. Ich mag gerne die Neuheiten wie Grünis, Joghurties oder auch die Melonen. Bei den Klassikern sind es Mini Color-Rado, Milch Milpferde und z.B. Balla Stixx cherry.“ Das seien aber auch nur Beispiele, die sich jederzeit ändern könnten.

5 Kommentare

  1. Oh, da hab ich ja was angestiftet 😀. Vielen Dank für die Recherche und den Bericht. Nun ist das endlich mal geklärt. Ich wusste gar nicht, dass das bis heute immer noch läuft. Ich bin froh, dass die Kastanien nicht zur Herstellung der Süßigkeiten verwendet wurden, sondern als Tierfutter 😬.

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