Nachdenkliches

Die Feier war im Sommer. Unsere Freundin spricht mit unserem Sohn, den sie lange nicht gesehen hat. Ihr Mann unterhält sich am Ende der Kaffeetafel intensiv mit einem anderen Gast. „Wo war das nochmal?“, fragt sie plötzlich quer über den Tisch. „Das war bei Pirna“, antwortet ihr Mann wie aus der Pistole geschossen und setzt seine eigene Unterhaltung ansatzlos fort. Unser Sohn ist verblüfft. „Du hast doch gar nicht zugehört, wie konntest so schnell antworten?“ „Ja“, sagt unser Freund, „wenn man so lange verheiratet ist, weiß man auch ohne zuzuhören, was der andere sagen will.“

KINO-UPDATE. Genauso ein altes Ehepaar sind Tusker und Sam. Sie sitzen in ihrem Wohnmobil, fahren durch England und regen sich rituell und flapsig über die ewigen Schwächen des Anderen auf. Der eine kann nicht fahren bzw. die Gänge nicht richtig schalten, der andere besteht auf der Nutzung von Karten und lehnt Navis vehement ab. Schnell stellt sich heraus, dass dies trotz aller Routine keine normale Urlaubsreise ist, sondern vermutlich Tuskers letzte, die er noch bewusst wahrnimmt. Vor einiger Zeit wurde Demenz diagnostiziert. Sein Partner Sam stellt seinen Beruf als Pianist hintenan und kümmert sich um alles. Er hofft, dass es Tusker, von Beruf Autor, in diesem Urlaub gelingt, noch den Roman fertigzustellen, an dem der schon so lange arbeitet.

Tusker ist eigentlich noch ziemlich gut dabei, finde ich zu Beginn des Filmes. Zwischendurch ist er etwas orientierungslos (bin ich ja dauernd), auch motorisch geht mal was schief (kann ja immer passieren), aber er erkennt noch alle Leute und macht seine sarkastischen Witze. Sogar eine Überraschungsparty hat er noch organisiert. Genau wie Sam möchte man als Zuschauer nicht wahrhaben, wie es um Tusker bestellt ist. Als Sam eines Tages heimlich in die Schreibkiste seines Mannes guckt, wird das Ausmaß der Krankheit sichtbar. Der Autor Tusker kann nicht mehr lesen und schreiben. Wie sollen die beiden damit umzugehen?

Der Film verhandelt auf sehr getragene und ernsthafte Weise die Frage eines selbstbestimmten Abgangs. Supernova ist einer der zahlreicher werdenden qualitätvollen Filme zum Thema Demenz. Colin Firth und Stanley Tucci spielen das liebende, zum Abschied gezwungene Paar mit größter Glaubwürdigkeit.

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