Tüte der Woche Nr. 97

Ist schon wieder Herbst?! Rundherum haben alle eine Triefnase und sogar die Moderatoren im Radio klingen wahlweise heiser oder verschnupft. Und natürlich sind alle gestresst, besonders aber im Schulbereich, denn der drohende November ist der arbeitsreichste und mit Terminen vollgestopfteste Monat des gesamten Schuljahres. Kein Wunder also, dass mir bei der Durchforstung des Reststapels der Tütensammlung die Apothekentütchen ins Auge fallen. Doch zuerst die Fakten.

Breite: 19,5 cm. Höhe: 28 cm.

Die Vorderseite und die Rückseite bewerben die gleiche Firma, aber unterschiedliche Produkte.

Beruhigende Farben und frisches Grün signalisieren die Zielrichtung des Produkts.

NATÜRLICH heißt es da in Großbuchstaben und doppeldeutig (bezogen auf die Inhaltsstoffe und die selbstverständlich einsetzende Wirkung), beruhigend und entspannend. Es folgt der Name des Produktes, zusammengesetzt aus lateinischen Bestandteilen (vivi(t) = er/sie/es lebt als Teil des Markenkerns und nox = Nacht). Was den im Text versprochenen „gesunden Schlaf“ bringen soll, ist namentlich und mit hübscher Zeichnung abgebildet, Baldrian, Hopfen, Hafer und Mistel.

Ganz unten sehen wir noch den Firmennamen Dr. Mann Pharma samt Logo, ein Kreis mit Kreuz, in dessen Mitte ein Mensch steht.

Ist jetzt das Logo der anderen Seite, hier schwarz, dort war es passend grün.

Auf der anderen Seite leuchtet uns eine orangefarbene Schachtel an, überhaupt nicht beruhigend, denn hier soll eher „Feuer unterm Arsch“ (Entschuldigung!) gemacht werden.

Der Name erneut kombiniert aus der Kernsilbe vivi und optal, vielleicht im Sinne von Option oder auch Optimierung.

Jedenfalls verspricht der Text Abhilfe gegen alles, was einen so befallen kann, von Mattigkeit, Stress bis zu Gedächtnisschwäche und sonstigem Versagen (die aktuelle, vom Google -Übersetzer angegebene Spezifikation warnt aber nachdrücklich : „Nicht formuliert für Verwenden in kinder.“).

Ja, soll eben auch für ältere Menschen sein, die lieber Kapseln schlucken als Obst und Gemüse zu essen. Im Text fällt mir außerdem das Wort „Abmagerungskuren“ auf, nach denen die Tabletten dem Aufbau helfen sollen, so böse wird man das heute sicher nicht mehr formulieren und es eher als gesunde „Unterstützung bei der“ Diät bezeichnen.

Dr. Gerhard Mann Pharma, erfahre ich im Netz, ist ein Nachkriegskind und wurde von eben diesem Mann im Oktober 1945 in Berlin-Wedding gegründet. Die Qualität der Medikamente bei Augen- und Schmerzmitteln machte die Firma schnell groß, die erfundenen Möglichkeiten zur Selbstbehandlung machten sie reich. 1986 gab es einen Verkauf oder eine Fusion, da sind die Quellen nicht ganz einig, mit dem amerikanischen Unternehmen Bausch und Lomb.

Aber viel interessanter ist, was ich danach finde. Einer der Erben dieses ganzen Reichtums und Sohn von Gerhard Mann ist Ulf Mann. Mit dem geerbten Reichtum kam er nie zurecht, Luxus für sich selbst lehnt er konsequent ab, wie eine etwas ältere Reportage nahelegt. Sein 18 Millionen Euro betragendes Erbe, von ihm selbst als furchtbare Last empfunden, gab er in die Stiftung „Umverteilen!“ , mit der in Berlin, aber auch weltweit, Projekte im Sinne einer solidarischen Welt unterstützt werden.

Was gute Augentropfen so alles bewirken können!

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