Publikumswirksames

Kürzlich interviewte ich für ein ganz anderes kulturelles Event den Schriftsteller Burkhard Spinnen, wir sprachen über „das Publikum“. Der Autor erzählte von seinen Erfahrungen bei unterschiedlichen Lesungen. Der Erwartung des Publikums sprach er eine sehr große Rolle zu. „Wenn Sie eine Veranstaltung mit Rosenmontags-Karnevalssitzung KG Rot-Blau betiteln“, so in etwa die Aussage, „dürfen Sie mit einem Publikum rechnen, das bis unter in die Haarspitzen motiviert ist, über alles Angebotene zu lachen.“ So in etwa war das Kinopublikum gestern Abend gestimmt – und wir wussten nicht warum.

KINO-UPDATE. Allein das Erscheinen neuer Superhelden, unter ihnen Angelina Jolie als strahlende Kämpferin, konnte es nicht sein. Worum ging es in dem Film? Etwas umständlich wird zu Beginn erklärt, dass ein Überwesen, dessen Name mit A beginnt, 10 weniger mächtige Wesen, sagen wir Götter, auf die Erde entsendet, um die dort noch im Stande der Unschuld lebende Menschheit vor gaaaanz bösen Wesen zu bewahren, die uns alle auffressen wollen. Diese Götter haben unterschiedliche Kräfte. Angelina Jolie, die sich amerikanisch Thena nennen lässt, ist eigentlich die Kriegsgöttin Athene. Wann immer sie den Arm zum Kampfe grazil ausstreckt, hat sie diverse Stoß- und Stechwaffen oder Schilde an der Hand. Ihr Herzensfreund Gilgamesch kämpft mit starker Faust. Wir begleiten sie und ihre Mitstreiter durch einen Gang der Menschheitsgeschichte, attraktiv in Szene gesetzt wurden besonders Babylon und die hängenden Gärten. Nach etwa 7000 Jahren sind alle bösen Kreaturen vernichtet und man wartet auf die Abberufung von ganz Oben.

Zwischenzeitlich denke ich darüber nach, dass sich Fernsehdeutschland gerade in nostalgischer Kuschelei auf dem Sofa und vor „Wetten, dass..“ amüsiert. Der Nostalgie ist auch das Kinopublikum nicht abgeneigt, soeben lief ein Trailer zu „Matrix“ und alle können es kaum abwarten, wieder dem weißen Kaninchen zu folgen. Und die Idee ist ja auch schon verträumt, da aus dem Wunderland von Alice. Oh, ich habe den Faden verloren…

Auf der Leinwand geht es in der Gegenwart weiter, die vermeintlich ausgestorbenen bösen menschenfressenden Ungeheuer sind wieder da, diesmal scheinen sie es aber hauptsächlich auf die Götter abgesehen zu haben. Die gehen auf unterschiedliche Weise damit um, wie sie sich auch ganz verschieden mit dem Leben auf der Erde arrangiert haben. Jedenfalls stellt sich heraus, dass die Erde nur als Brutbehälter für ein höheres Ziel vorgesehen ist. Aber ist die Menschheit, bei allen Unzulänglichkeiten, nicht mehr wert? Genau. So sieht Regisseurin Chloé Zhao das auch. Und sie hat einen sehr feinen Blick für die Tiefe der menschliche Seele, Oscar-prämiert in NOMADLAND.

Upps, plötzlich sind wir doch endlich im Showdown, die Welt ist (vorerst) gerettet, aber es gibt noch Baustellen. Und dann passiert es. Erwartungsvolle Unruhe im Publikum, ein besoffener Elf taucht auf und sieht aus wie jemand, der zwischen Hogwarts und Mittelerde plötzlich den Weg nicht mehr gefunden hat und statt dessen lieber mehr Alkohol konsumiert.

Es erscheint Eros, der Gott der Liebe. Der weibliche Teil des Publikums (ich ausgenommen) bricht in Entzückensschreie aus. Mein Mann und ich sehen uns an und stellen fest, dass wir offenbar nicht eingeweiht sind.

Ich setze, nach Recherche, neu an: Es erscheint Harry Styles, One-direction- Popstar, lächelt lasziv, klimpert mit den Augen und alle liegen ihm zu Füßen (ich ausgenommen). „OMG“, quietscht die junge Frau neben mir ihrer Freundin zu, „allein für diese letzten zwei Minuten hat sich das gelohnt!!!“

Ich kann mich dem nicht ganz vorbehaltlos anschließen. ETERNALS hatte alte Götter, moderne und olle Gags, starke Momente, aber auch einige Längen. Insofern war der Unterschied zu „Wetten, dass“ wohl eher gering.

2 Kommentare

  1. Liebe Cousine!
    Ich gehörte zur „Wetten, dass…“ Fraktion, war einigermaßen gespannt was da kommt und bin nach gefühlten fünf Stunden (es waren nur 2!) ernüchtert in Bett gegangen, habe es also nicht bis zu Ende geschafft…
    Selten sind mir 10 vergangene Jahre so deutlich geworden. Die faden Gags, der pseudovertraute Umgang mit den Promis, bis hin zu den Übergriffigkeiten von Thomas Gottschalk waren damals schon nur semilustig und sind jetzt absolut nicht mehr zeitgemäß. Die Wetten waren noch ganz erwärmend, alles andere stinklangweilig.
    Für mich muss es kein weiteres Mal geben, aufgewärmtes schmeckt halt nur bei Mama!
    Du hast also bestimmt nichts verpasst und immerhin noch einen Blick auf Harry Styles werfen dürfen 😉

    Gefällt 5 Personen

    1. Danke! Ein für mich sehr wertvoller Kommentar, da haben wir wohl wirklich nichts verpasst. Die ETERNALS waren zwar auch lang (kein Wunder, wenn man „Ewige“ heißt;), aber dafür nicht so abgenutzt wie der Gummibär. Und bei Harry Styles kann ich mich ja noch eingucken, das mache ich dann im nächsten Teil:)

      Gefällt 4 Personen

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