Tüte der Woche Nr. 103

Bei den Gebrüdern Grimm gab es den fast sprichwörtlichen armen Müllerburschen. Tja, war halt ein Märchen. Die Müllerburschen dieser Tüte, genau genommen ihre Nachkommen, teilten sich auf der Liste der reichsten Deutschen im Jahre 2019 einvernehmlich Rang 183, was verdammt weit oben ist.

Doch schnell zu den Fakten, es gibt eine Menge zu erzählen.

Breite: 47 cm Höhe: 47 cm

Die große quadratische Tüte hat auf der einen Seite einen hellroten, auf der anderen Seite einen hellblauen Aufdruck, hier mit schwarzen Akzenten.

Die Buchstaben des Firmennamens allkauf sind in dreidimensional und über die gesamte Breite der Tüte gedruckt. Vom mittigen a ausgehend verkündet eine Sprechblase: Ihr Preisparadies.

Auf der roten Seite ist der allkauf nicht mehr dreidimensional, dafür aber oberhalb mit dem Zusatz Wohn Paradies (sollte dies wohl eigentlich ein Wort sein?) versehen. Eine Wolke oder Sprechblase links preist Möbel zum Mitnehmen an, unterstützt durch die Silhouette eines überladenen Autos mit der Aufschrift HUCKEPACK. Unter dem Firmennamen wird mit weißem Punkt und schön alphabetisch sortiert aufgezählt, wo der höflich gesiezte Kunde ganz in seiner Nähe diese Paradiese findet: Aachen, Borken, Düren-Birkesdorf, Heinsberg, Hückelhoven-Hilfarth, Hürth-Hermülheim, Krefeld, Moers, Mönchengladbach, Osnabrück, Radingen-Breitscheid, Voerde.

Wo alles begann? In Mönchengladbach. Hier gründeten im Jahre 1962 der Mehlmüller Eugen Viehof und sein Schwager, der Ölmüller Gerhard Ackermanns ihren ersten Großmarkt. Alle sollen alles kaufen (können), so die Devise. Mit großer Sparsamkeit, wird kolportiert, seien die Häuser geführt worden, wobei die Trennlinie zwischen Sparsamkeit und Geiz ja nicht immer so scharf ist. Zunächst aber der große wirtschaftliche Erfolg.

In den späten 90ern verfügte Allkauf, dann bereits als Teil der Metro AG über 94 Selbstbedienungs-Warenhäuser, davon 19 ehemalige plaza-Häuser und neun ehemalige Otten-Franchise-Häuser.

Zu Allkauf gehörten auch:

  • 160 Reisebüros der Allkauf Touristik Vertriebs GmbH (Gründung 1989)
  • 21 alltronic-Kundencenter (Gründung 1975)
  • 90 Fotogeschäfte der Allkauf Franchise GmbH, die im November 1998 an Nina’s Bildermarkt Sommer GmbH verkauft wurden. (Gründung 1978 als allkauf Foto GmbH)
  • 56 Verkaufsbüros der 1985 gegründeten Allkauf-Haus GmbH, darunter 16 Musterhaus-Standorte. Diese wurden 1998 an massa-Ausbauhaus GmbH mit Sitz in Simmern (ehemalige Tochtergesellschaft der Metro) verkauft. Der Name allkauf-haus besteht weiterhin als Tochtergesellschaft der Deutsche Fertighaus Holding.

Doch davor knirschte es schon beim erfolgreichen Gründerduo. Der eine konnte seine vier Söhne erfolgreich im Betrieb unterbringen und wollte beim Kerngeschäft bleiben, der andere hatte neben vier Töchtern mit anderen Interessen auch Ambitionen in der Unterhaltungsindustrie. Das passte nicht mehr zusammen. Im Jahre 1990 zahle Mehlmüller Viehof seinem Schwager Ölmüller Ackermans etwa 700 Millionen Deutsche Mark für seinen Allkauf-Anteil. Klingt teuer, war es aber nicht. Zum 1. Januar 1998 verkaufte Eugen Viehof mit der Viehof GmbH auch seinen Einzelhandelskonzern für etwa 2,4 Milliarden Mark (umgerechnet heute etwa 1,7 Mrd. Euro) an die Metro-Gruppe, das Bundeskartellamt stimmte der Übernahme am 23. Juni 1998 ohne Auflagen zu. Hach ja, was tun mit dem ganzen Geld? In einem schwärmerischen Artikel des Manager Magazins aus dem Jahr 2005 wird lobhudelnd ausgeführt, wie die vier Söhne die ganze Knete anlegen. Selbstverständlich ganz im Sinne des Allgemeinwohls. Zitat: „Keinen Grund zum Zweifeln haben die Vier an ihrem sozialen und kulturellem Engagement. Stark im Niederrheinischen verwurzelt, schlägt ihr Herz für die Region. Besonders vorteilhaft wirkt sich ihr Lokalpatriotismus für Mönchengladbach aus. Ihre Verantwortung für die Gemeinschaft beweisen sie, wenn sie mit anderen Unternehmen für die Wirtschaftsförderung der ehemaligen Textilhochburg trommeln und sich für die städtische Sauberkeit stark machen.“

Was ist denn mit dem Ölmüller? Der kümmerte sich noch mal schnell um sein Medienhobby und startete eine späte Karriere als Medienmacher. 1988 verkaufte er 49 Prozent seines hochdefizitären Senders Eureka für 1,5 Millionen Euro an Thomas Kirch, den Sohn des schon damals äußerst umtriebigen Münchener Medienmoguls. Das liegt deutlich unter dem Verkaufsgewinn der Viehofs, aber da sind rechts und links wohl noch ganz andere Einnahmen abgefallen.

Und auch wenn sie gestorben sind, ist die Familie immer noch reich…

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