Verschwurbeltes

Dämonische Augen, zuseliger schwarzer Bart, dunkler Kaftan, trockene Lippen…klingelt da was? Nein, nicht wie ihr euch am frühen Morgen vor dem Badezimmerspiegel fühlt. Die Rede ist von Rasputin, dem Wandermönch, der vom Notfallbeter der russischen Zarenfamilie zu einer Ikone der Popkultur wurde. Wo Rasputin draufsteht, sind Sex und Alkohol drin. Kein Wunder also, dass diese Figur immer mal wieder die übersinnlich begabten Finger im Spiel hat, wenn es einen Film aufzupeppen gilt. Wenn die historischen Umstände es hergeben, um so besser.

KINO-UPDATE. Den will von euch eh keiner sehen, daher voller Spoiler-Alarm.

Wer ist ursprünglich an allem Schuld, vor allem aber am ersten Weltkrieg (und damit eigentlich auch am zweiten)? Ein sich gedemütigt fühlender Schotte. Auf diese verschrobene Idee kann nur ein Brite kommen, es ist Drehbuchschreiber, Regisseur und Claudia Schiffer-Ehemann Matthew Vaughn. Der soll farbenblind sein und daher besonders viel Wert auf die Filmmusik legen. Habe ich gemerkt, denn seit gestern Abend bin ich fast taub, so laut war der Pegel der theatralischen Melodien eingestellt. Trotzdem war im letzten Drittel Schlafaugenalarm, denn die Fecht-, Messerstech- und Prügelszenen waren mir deutlich zu lang. Aber vielleicht fange ich mit dem ersten Drittel an. Ralph Fiennes ist der pazifistische Duke of Oxford. Mit Frau und Sohn will er 1902 ein Hilfsprogramm starten, wobei seine Frau durch einen Anschlag ums Leben kommt. Dass er selbst dämlich genug war, sie durch den feindlichen Kugelhagel zu schicken, wird kaum thematisiert. Jedenfalls schwört er der sterbenden Gattin, die später als dauermahnendes Gemälde im Wohnzimmer hängt, den Sohn vor jeglichem Krieg zu bewahren. Die Schlauen unter euch ahnen schon, dass das 12 Jahre später schwierig wird, als der erste Weltkrieg ausbricht und alle guten Jungs darauf brennen, sich für Gott und Vaterland zu opfern. Bevor das Gemetzel losgeht, wird noch versucht den Kampf zu verhindern. Dazu wird die Rasputin-Saga nach allen Mitteln der Kunst ausgeschlachtet und mit mehr oder weniger komischen Details zu sexuellen Vorlieben angereichert. Doch der erste Weltkrieg ist nicht zu verhindern, denn der auf einsamer Bergeshöhe mit einer seltenen Kaschmir-Ziegenart lebende Schotte hat auch ohne Internet Einblick in die Geschehnisse der Welt. Und er weiß sie dank seiner Gefolgsleute, die wundersamer Weise aus aller Herren Ländern stammen, zu steuern. Es kommt ihm gut aus, dass die führenden royalen Herrscher Georges V., Empire, Wilhelm II, Deutsches Reich und Nikolaus II., Russland, allesamt Cousins sind, die sich aus frühester Kindheit kennen und sich nicht ausstehen können. Dieses Detail ist so eigenartig, dass man es sich nicht ausdenken kann. Und es ist historisch richtiger als andere Dinge, die einem in diesem Film verkauft werden. Der Regisseur leistet sich den ganz gelungenen Gag, alle drei Herrscher durch Schauspieler Tom Hollander verkörpern zu lassen.

Derweil ist es Sohnemann gelungen sich vermittels falscher Identität an die Front zu begeben, wo er innerhalb von 10 Minuten feststellen darf, dass er besser auf Papa gehört hätte. Es ist Vaughn hoch anzurechnen, dass er den jungen Helden an dieser Stelle dumm und erbarmungslos sterben lässt. Schade nur, dass dessen blödsinnige Opferbereitschaft am Schluss doch noch verklärt wird, weil seine Tat das Empire und die Leben von Millionen Soldaten gerettet haben soll. Na dann.

Aber halt, der Film ist noch nicht zu Ende, dafür aber das Zarenreich. Damit auf jeden Fall das Empire geschützt bleibt und Kriege zukünftig jetzt aber wirklich verhindert werden, beschließt der ehemalige Pazifist Duke of Oxford sich Arthur zu nennen und eine sich der zivilgesellschaftlichen Kontrolle vollständig entziehende Geheimorganisation zu gründen. Hallo Reichsbürger, das ist euer Film: The King’s Man: The Beginning. Ausgerechnet Unschuldsgesicht David Kross taucht am Schluss als Adolf Hitler auf, ein geheimer Verbündeter von Lenin (August Diehl), die aber beide nur nach der Pfeife von Daniel Brühl tanzen. Der muss den neuen Oberbösewicht geben, nachdem der Kaschmir-Schotte mit Unterstützung der Ziegen in den Abgrund gestoßen wurde.

Ich empfehle statt des Films eine Flasche Rasputin.

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