Tüte der Woche Nr. 108

Da sei sie sich nicht ganz sicher, sagt meine Mutter am Telefon. Ich solle lieber noch meine Schwester anrufen. Da die eine gerade frisch zur Lammgroßmutter geworden ist, und daher verständlicherweise abgelenkt, rufe ich einfach die andere an. Wozu hat man schließlich zwei Schwestern? Penny Preis, höre ich sie durch das Handy die Stirn runzeln, den habe man doch in Gescher nie gehabt. … Doch halt, sie verwechsele das jetzt mit dem Penny Markt. Genau das sei mir auch passiert, sage ich. Ich dachte zunächst, mit der Recherche zur Tüte 101 schon alle Arbeit erledigt zu haben. Doch keineswegs. Wir kommen überein, dass meine Mutter mit ihrer Vermutung richtig liegt, der Penny Preis habe ein kleines Lokal an der Ecke, direkt an der Pankratius-Kirche gehabt. Aber nicht lang. Und damit zu den Fakten:

Breite: 23, 5 cm. Höhe: 35 cm.

Die Tüte ist weiß, die Vorderseite ist frühlingsfrisch in Grün und Narzissengelb bedruckt. Der Firmenname wirkt wie mit dem seinerzeit in Mode kommenden Textmarker geschrieben, darüber der Begriff QualitätsMode, der genau den Rechtschreibfehler enthält, der entlarvt, dass die Qualität in diesem Geschäft weniger eine Rolle spielt als der Preis.

Bei der Recherche stoße ich im ersten Zugriff auf den allseits bekannten Penny Markt, der, ich lese es überall nach, mit diesem Penny Preis nicht das geringste zu tun hat. Schließlich hilft eine meiner Lieblings-Fachzeitschriften bei der Recherche weiter. Nur ein schmales Artikelchen, mehr eine Meldung. Da heißt es, die Penny-Preis Textil-Handelsgesellschaft mbH & Co. KG, Senden/Münsterland, habe einen Konkursantrag gestellt. Betroffen seien 670 Mitarbeiter in rund 200 Geschäften in NRW, Niedersachsen, Nord-Hessen, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Schlechte Umsätze und die damit verbundene Zahlungsunfähigkeit hätten zum «Aus» des Unternehmens geführt.

So ein großes Unternehmen, da muss doch noch was vorliegen. In Senden versuche ich es beim Gemeindearchiv und beim Heimatverein, komme aber, vorerst, nicht recht weiter. Statt dessen lese ich nochmal im Artikel nach und werde stutzig beim Namen des Rechtsanwaltes, der den Konkurs abgewickelt haben soll. Hieß nicht meine vor einigen Jahren in Pension gegangene Kollegin so?

Ich schreibe eine andere pensionierte Kollegin an, die mir die Kontaktdaten weiterleitet und habe sie schließlich an der Leitung. Wir reden über alte und neue Zeiten und ich sage schließlich mein Sprüchlein zur Tütensammelei auf. Sie verspricht ihren Mann zu fragen, der aber auch nicht mehr der jüngste sei und vielleicht keine Lust habe. Sie werde sich aber auf jeden Fall in Kürze melden.

Keine 24 Stunden später habe ich den (ehemals) zuständigen Herren in der Leitung, der sich als ausgesprochen auskunftsfreudig entpuppt. Am 25.3.1998 sei das Konkursverfahren beim Amtsgericht Lüdinghausen eingeleitet und im Mai 2000 beendet worden. Als damaliger Konkursverwalter, das juristische Verfahren der Insolvenz sei inzwischen ein anderes, habe er die Verwaltung und die Prokura übernommen und auch die Aufgabe, den Gläubigern ihr Geld, zumindest aber die Ware, wiederzubeschaffen. Das sei damals sehr chaotisch gewesen, daher könne er sich noch gut erinnern. Es habe nämlich keine zentrale Beschaffungsstelle oder ein Lager gegeben, von wo aus man die Filialen beliefert habe. Statt dessen hätten die Filialen selbst geordert und niemand habe einen Überblick darüber besessen, wo welche Ware zu finden sei. Überhaupt sei die Firma in sehr, sehr kurzer Zeit zu stark gewachsen, überall seien Ladenlokale wild angemietet worden, auch hier sei es kaum möglich gewesen, einen Überblick zu bekommen. Er habe damals eine nervenstarke Mitarbeiterin daran gesetzt, telefonisch so viele Informationen wie möglich zusammenzutragen. Wo ist die Ware abgeblieben, das sei damals die große Frage gewesen.

Einen ziemlich dicken Aktenordner hätte das damals gegeben, zum Glück aber nach zehn Jahren vernichtet, wie auch all die anderen Konkursfälle, die er im Laufe seines Berufslebens auf Bestellung des Amtsgerichtes abgewickelt habe.

Im Anschluss bekomme ich noch kleine Anekdoten zu seinen Reisen nach Südafrika erzählt, an sich ja viel interessanter als sein Berufsleben, sagt er. Und seinen Namen, den möchte ich doch bitte aus der Sache heraushalten. Dass er mit mir darüber gesprochen habe, sei eine Ausnahme, das habe er gern gemacht.

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