Gesichertes

Abschlussfahrt der Klasse 10. Es ist 1983 und wir sind in Berlin. Kam uns die eine Hälfte der Stadt schon aufregend, aber auch gefährlich und anrüchig vor (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo), war die andere Hälfte wie vom einem anderen Stern. Nach mehrfacher eindringlicher Ermahnung der begleitenden Lehrer versuchten wir bei der Kontrolle so unschuldig auszusehen wie wir waren und tauschten ohne zu murren unser richtiges Geld gegen solches, für das es nahezu nichts zu kaufen gab. Wir investierten in ein Mittagessen für 2 Mark 25 und kauften dann Hefte und Stifte. Deren „besondere“ Qualität kannte ich schon von meiner Brieffreundin, die mir regelmäßig kleine Care-Pakete schickte, wohl in der Annahme, der Kapitalismus hätte für Schulkinder nicht viel übrig (was zwar stimmen mag, aber keinen Mangel an Papier und Stiften beinhaltete). Am späten Nachmittag verließen wir die merkwürdig graue Welt wieder, in der man uns geraten hatte nicht so laut zu lachen.

KINO-UPDATE. Wer aus der ehemaligen DDR stammt, hat meiner Meinung nach jedes Recht über das System zu weinen oder – wenn möglich – zu lachen. Regisseur und Drehbuchautor Leander Haußmann ließ in einem Interview sinngemäß vernehmen, er jedenfalls habe überhaupt keine Lust, sich von dahergelaufenen Moralaposteln vorschreiben zu lassen, wie lustig man die Stasi finden dürfe.

Es geht los mit Ludger Fuchs (Gegenwart Jörg Schüttauf, 80er David Kross) als gefeiertem Romanautor und Helden des Widerstands. Er holt auf Drängen der Familie seine Stasi-Akte ab und ist gar nicht so erpicht darauf, unter Beteiligung aller einen Blick in seine Vergangenheit zu tun. Warum, wird schon direkt klar, als ein sehr freizügiger Brief auftaucht, den er von einer Frau – nicht von seiner – bekommen hat. In immer länger werdenden Rückblenden wird erzählt, wie Ludger Fuchs von seinem Führungsoffizier (Henry Hübchen) die anspruchsvolle Aufgabe bekommt, die subversiven Elemente am Prenzlauer Berg zu infiltrieren. Das Infiltrieren gelingt recht schnell, nur mit dem Dienst am Arbeiter- und Bauernstaat nimmt es Ludger nicht mehr so genau. Dafür testet er im Detail die auch in der Mangelwirtschaft zur Verfügung stehenden Drogen.

Uns als Wessis hat Leander Hausmanns Stasikomödie sehr viel Spaß gemacht. Denn auch die DDR ist unheimlich deutsch gewesen und darüber kann man schmunzeln wie auch über die schrägen Typen, die Kunstszene und halbdebile Politiker. Für Nicht-Betroffene unbedingt empfohlen!

10 Kommentare

  1. Ach ja, die obligatorische Berlin-Klassenfahrt, die ich mit Lehrer(n) und Mitschülern bereits im April ’77 absolvierte! Wegen „Straßenumtausch oder Valutenschmuggels“ wurden einige von uns am Bahnhof Friedrichstraße festgehalten und stundenlang verhört.

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    1. Ich wusste gar nicht, dass Berlin-Fahrten obligatorisch waren.
      Dafür war ich wohl zu spät dran, denn 1995 ging es nach Rom (für die Lateiner), nach Budapest (für die Trinker) oder nach London (für den Rest, einschließlich mir).
      Nach Berlin kam ich erst mit einer der Fahrten, zu denen die örtlichen Bundestagsabgeordneten einladen. Da hat sich die Juso-Mitgliedschaft mal rentiert. 😉

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      1. Ja, da war Berlin nicht mehr von einer erneuten Blockade oder einer nuklearen Vernichtung bedroht. Es hatte sich sogar schon wieder zur Hauptstadt gemogelt und fühlte sich deshalb wahrscheinlich viel zu gut für diese ganzen Provinzschulklassen.

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