Dienstbare Geister

Mein Handy verschafft mir bequemen Kontakt zur Familie, die sich gerade in in ganz Europa verstreut aufhält.

Der Computer zeigt mir an, wann ich welchen Experten wo erreiche.

Per Email kommuniziere ich mit Kolleg*innen und Institutionen. Nebenbei buche ich Kinokarten, Fahrkarten für die Bahn, Eintrittskarten für Events. Und dann ist da noch, was ich hier im Blog betreibe.

Für Datenfischer bin ich mehr als transparent. Zum Beispiel wissen sie, dass ich gestern Abend im Kino war.

Big Data heißt die aktuelle Ausgabe der Kurzfilmreihe Shorts Attack! Kurze greifen an!. Insgesamt neun Filme mit einer Dauer zwischen einer und zwanzig Minuten gab es zu sehen. Selfies – ein Vierminüter aus der Schweiz – schaffte innerhalb dieser Zeit, den Wahnsinn der Selbstablichtung mit dem Wahnsinn der Welt zu verknüpfen. Füße am Strand, noch mehr Füße im Wasser, Verliebte am Strand, Flüchtlinge am Strand, Soldaten an der Front… Schwangere mit immer dickeren Bäuchen, im Kreißsaal. Es war ein Animationsfilm im Stil eines netten Kinderbuches, was die Sache noch absurder erscheinen ließ. FOLLOWER – ein Beitrag aus Deutschland zeigte in gruseliger Weise, wie ein harmloser Chat zwischen einer Babysitterin und ihrem Freund zu einer Verfolgungsjagd ohne Entrinnen werden kann.

Der erste und der letzte Film des Abends zeigten, wie sich unser Blick auf die Technik mit der Einsicht in ihre Macht geändert hat. Ein geplagter und gestresster Manager tut alles, was sein Navi ihm sagt. Er lässt einen Mann die Frontscheibe putzen und gibt ihm einen großen Schein, er ruft seine Mutter an, er biegt von der Autobahn ab. Als er aussteigt und auf Geheiß des Navis Schuhe und Socken auszieht, amüsiere ich mich mit dem restlichen Publikum über den Trottel. Er müsse sich morgen frei nehmen, fordert das Navi. Gelächter im Publikum. Dann Kameraschwenk. Nicht weit von ihm steht ebenfalls barfuß und mit Navi in der Hand eine wunderschöne Frau. „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Das war Tomorrow, ein schon älterer Film, in dem die fürsorgliche Technik uns den rechten Weg weist. BROCCOLI zeigte zum Abschluss, wie aus der Fürsorge eine Drangsalierung wird. Der junge Mann bestellt beim Pizzadienst, wird aber von der Dame am Telefon freundlich auf seinen Cholesterinwert hingewiesen. Er soll sich eine andere Sorte bestellen. Das sich daraus entwickelnde Gespräch zeigt dem Mann – und den Zuschauern – wie wenig echte Privatsphäre noch da wäre, würden sich alle Informationssammler vernetzen. Was sie natürlich – nur zu unserem Besten – tun werden. Der Film endet damit, dass der Mann sich den zuvor verschmähten Broccoli selbst kocht.

Fazit: Anregend, spannend, kurzweilig.

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