Tüte der Woche Nr. 104

Das sei eine sehr interessante Sendung gewesen, sagt meine Mutter. Im Kulturjournal auf NDR. Besonders beeindruckend fand sie die 60.000 Exemplare fassende Sammlung von Dieter Luchs mit Tüten aus der DDR. Da kann ich – natürlich – nicht annähernd mithalten. Diese Tüten seien aus Sparsamkeitsgründen immer nur auf einer Seite bedruckt gewesen, erzählt sie. Ha, so eine habe ich jetzt auch. Und dass die Tüte Kulturgut ist und zudem Geschichte erzählt, versteht sich von selbst.

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/kulturjournal/Praktisch-und-umweltfeindlich-Das-Ende-der-Plastiktuete-,kulturjournal8362.html

Zuerst die Fakten.

Es handelt sich um ein kleines Tütchen im Format

Breite 20 cm Höhe 28 cm

Die Tüte ist weiß und, wie gesagt, einseitig bedruckt. Zu sehen ist die Aufschrift alwa, in kleinen Buchstaben mit dicker roter Umrandung. Darunter in schlanken Großbuchstaben und leicht nach rechts versetzt das Wort Modezentrum. In etwas kleinerer Schrift, aber gleicher Schriftart wiederum darunter sind die Standorte angegeben: Bielefeld und Münster.

Die Tüte wird belebt durch frühlingshafte bunte Streifen, die von diesem Zentrum auszugehen scheinen und sich über die Breite und Höhe der Tüte ausstrecken, die Farben pink, knallrot, grasgrün und sonnengelb wechseln sich dabei ab. Links oben in einem kleinen roten Streifen ist die B82/7 erkennbar, vermutlich die Artikelkennzeichnung dieser Tüte.

Das ist schnell geschrieben, denke ich. Dann mal ran an die Recherche… Die Ergebnisse lassen nicht lang auf sich warten.

Das Alwa Modezentrum in Münster und die Wameling GmbH in Münster seien Textilhäuser für die anspruchsvolle Zielgruppe gewesen, erzählt ein ehemaliger Manager in seinem Lebenslauf. Die Firma existiert seit Anfang der 2000er nicht mehr. Mit dem Suchbegriff Wameling komme ich weiter und erfahre, dass der Textilkaufmann Alfons Wameling das mit seiner Travertin- und Muschelkalkfassade markante, denkmalgeschützte Haus Mitte der 50er Jahre an zentraler Stelle der Innenstadt in Bielefeld errichten ließ. Sehr gut, zumindest weiß ich nun, wie der Name alwa zustande gekommen ist. Ein Foto vom Gebäude finde ich auch.

Steht in Bielefeld mit seiner Fassade unter Denkmalschutz – das Wameling-Haus.

Da muss noch noch mehr zur Gründungsgeschichte und zu den Inhabern zu finden sein. Und plötzlich bin ich wieder mitten in den Untiefen der deutschen Geschichte.

„Im Zuge der so genannten Arisierung ging das am Jahnplatz gelegene jüdische Damenbekleidungsgeschäft Gumpert in „arischen“ Besitz über. Neuer Eigentümer war Alfons Wameling.“

Das ist ja äußerst interessant und reicht mir als Information überhaupt nicht. Ich schreibe eine Mail an die jüdische Gemeinde Bielefeld und frage nach Informationen über die Familie Gumpert. Dort verweist man mich nett auf das Stadtarchiv, sämtliche Dokumente und Informationen befänden sich dort. Nächste Mail, ich wiederhole mein Anliegen und richte mich auf einige Wochen, mindestens aber Tage Wartezeit ein, die Leute haben ja was anderes zu tun, als meinen Grillen nachzugehen. Bereits am nächsten Tag ist Stadtarchivdirektor Dr. Jochen Rath so freundlich, mir eine umfangreiche Liste zu übersenden.

Die Sache Gumpert/Wameling ist ein Fall der sogenannten „Früh“-Arisierung, d.h. Verkauf eines Unternehmens oder Lokals vor der Reichsprogromnacht oder einer Enteignung. Ganz offen wird in der Presse mit diesem unglaublichen Phänomen umgegangen.

kurzer Artikel in Westfälische Zeitung/WZ v. 31.12.1935: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/2263614

Der Name Gumpert muss aber den Leuten in Bielefeld trotzdem ein Begriff gewesen sein, bevor Wameling einer wurde, denn in den Anzeigen wird er, völlig schamlos, oft noch erwähnt.

Werbeanzeige Wameling („früher Gumpert“) in WZ v. 25.1.1936: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/2263945

Moses und Hedwig Gumpert hatten drei Kinder, Rudolf, Hans und Edith. Deutscher geht es ja kaum, von den Namen her gesehen. Das hinderte die Presse aber nicht, davon zu schwärmen, wie gut die Übernahme jüdischer Betriebe in „deutsche Hände“ für die Wirtschaft sei. Die Gumperts gingen 1936 nach Berlin, wohl nicht ahnend, dass auch die Hauptstadt keine Rettung sein würde. Sie sind dann in die Niederlande ausgewandert, wo Hedwig Gumpert Selbstmord beging. Ihr Mann wurde nach Theresienstadt deportiert, konnte aber überleben, kehrte nach Bielefeld zurück und ist dann in die USA ausgewandert. Sohn Hans emigrierte bereits am 1. Juli 1933 nach Palästina, kam dann aber wieder nach Europa zurück und wohnte in Amsterdam, wo er 1938 verhaftet wurde. Er unternahm einen Selbstmordversuch und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, aus dem er aber entfliehen konnte. Er lebte dann unter schwierigsten Umständen illegal in den Niederlanden. Erst der Einmarsch der Alliierten beendete sein Leiden. Er emigrierte, wie auch sein Bruder Rudolf, in die USA.

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